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Lorenzo Vinciguerra

'Aesthetica sive Ethica'.
Spinozistische Notizen über das Wesen der Kunst

Qui (…) credunt, se ex libero Mentis decreto loqui,
vel tacere, vel quicquam agere, oculis apertis somniant.
[Wer also glaubt, er rede oder schweige oder tue sonst etwas aus einer freien Entscheidung des Geistes,
der träumt mit offenen Augen.]

Es wäre offensichtlich ein Anachronismus bei Spinoza ein Äquivalent dessen zu suchen, was wir heute, als
Erben Baumgartens, Kants und des Deutschen Idealismus, Ästhetik oder Philosophie der Kunst nennen.
Wie beim Großteil seiner Zeitgenossen gibt es bei Spinoza keine Ästhetik (und es konnte sie auch nicht
geben) – zumindest nicht in dem Sinne, wie diese Kategorien von uns aufgefasst werden.
 Dennoch bieten die Texte reichlich Material für eine Reflexion über die Kunst.(1) Ihr Wert erscheint uns
heute von Interesse, wo wir in einer Epoche leben, die bereits von den künstlerischen Revolutionen des 20.
Jahrhunderts heftig erschüttert worden war und in der gegenwärtig die Ästhetik eine tiefe Krise durchläuft.
Der Anachronismus des Spinozismus könnte also eine gewisse Nützlichkeit und unerwartete Aktualität
enthüllen, um zu verstehen, was man von der Kunst erwarten kann.

1. Der Sinn des Wortes ars

Bei Spinoza bezeichnet der Term 'ars'* meistens eine (angeborene oder erlernte) Technik und ihre
Beherrschung. Manchmal verstanden als "Kunstfertigkeit", mit der "vieles, was schwer ist, leicht zu machen
ist" (2), bezeichnet er ein Know-how, das mit Begriffen wie 'faber', 'fabrica', 'fabricari' verbunden ist und auf
den Begriff 'ingenium' (3) verweist. In dieser Hinsicht sind die 'künstlichen' oder 'künstlerischen' Erzeugnisse
nicht den 'natürlichen' entgegengesetzt; sie bilden keinen Staat im Staate im Bereich der Erzeugnisse der
Natur und es ist daher nicht nötig sie einander gegenüberzustellen und den einen dem anderen gegenüber
zu privilegieren, wie es Hegel tat, der die ersteren, als Erscheinungen des Geistes, als überlegen erachtete.
  Ästhetische Überlegungen über die Künste sind im spinozistischen 'Korpus' trotzdem eher rar. Von der
Musik etwa wird gesagt, dass sie gut für den sei "der schwermütig ist, schlecht für den, der in Trauer ist,
und weder gut noch schlecht für den, der taub ist." (4) Darüber hinaus schreiben sich diese Aussagen eher
in einen medizinischen Rahmen ein, als in einen 'stricto sensu' ästhetischen. Spinoza diskutiert nie die
ästhetischen Theorien seiner Epoche (Vossius, Bellori). Er macht auch keinen Unterschied zwischen den
Künsten selbst. Er interessiert sich nicht für ihre Klassifizierung oder ihre Hierarchie: die freien Künste
werden nicht den mechanischen entgegengesetzt.
 Schon gar nicht wird eine Ästhetik der Kunstwerke entwickelt. Es gibt zwar sehr wohl Bezugnahmen z.B.
auf Porträts, auf Gebäude, die Malerei, doch der argumentative Kontext ist nicht ästhetisch, im dem Sinn,
dass die Künste die Verkörperung der Idee des Schönen zum Gegenstand hätten. Im Gegenteil, es ist
gerade beim Problem der Schönheit (natürlich oder künstlich), bei der seine Kritik jeder Substantialisierung
und Ontologisierung des Schönen (in seinem Briefwechsel mit Boxel und in der 'Ethik') radikal wird. Sie
verbindet sich mit der Kritik des Finalismus und jeder allzu menschlichen Tendenz, die Natur als Schöpfung
eines Architekten-Gottes "ästhetisieren", oder den Künstler hinsichtlich seiner schöpferischen Freiheit
vergöttlichen zu wollen.
Diesbezüglich ist eine Kritik der neoplatonistischen Ästhetik 'in nuce' im 'Tractatus de intellectus
emendatione' §60 enthalten, wenn Spinoza über jene urteilt, die denken:

"daß die Seele allein aus eigener Kraft Empfindungen oder Ideen erzeugen könne, die nicht solche von
Dingen sind; ganz so, dass sie sie nahezu wie einen Gott ansehen."

Das gilt für die Schönheit und die Hässlichkeit, wie auch für Kategorien wie "Vollkommenheit", "ein Gut",
"Ordnung", "Verdienst" und ihre Gegenteile. Sie lassen die Dinge selbst nicht erkennen und sind selbst
bloß eine bestimmte Art des Vorstellens. Die Kategorie der Schönheit wird auf eine Erklärung
physiologischen Typs zurückgestuft:

" Wenn z.B. die Bewegung, die die Nerven dank der Augen von Gegenständen empfangen, zum
Wohlbefinden beiträgt, werden die es verursachenden Gegenstände schön genannt und die, die eine
entgegengesetzte Bewegung hervorrufen, hässlich." (5)

Die Schönheit im Rahmen der visuellen Imagination wird mit derselben Absicht behandelt wie die Harmonie
im Rahmen der auditiven Imagination. Wenn man also um jeden Preis eine Ästhetik des Geschmacks im
Spinozismus entdecken möchte, so würde diese nicht den physiologischen Relativismus übersteigen, der
durch die Maxime ausgedrückt wird: 'quot capita, tot sensus' (soviele Köpfe, soviele Ansichten) [E1 Anhang,
Anm. d. Übers.] und die den Grund vieler Kontroversen darstellt, wie Spinoza (auch in Bezug auf den
Skeptizismus) sagt. Man wird aber auch feststellen, dass dieser Relativismus dennoch grundlegend ist, wie
etwa im Fall der Musik und der Frage der Gesundheit des Körpers.
  Diese Feststellung verlangt aber einige Bemerkungen: Als sich Spinoza in Voorburg ansiedelt, wohnt er
bei dem Maler Daniel Tydeman. Auch in Den Haag wird er bei einem Maler, Hendryck van der Spyck, leben.
Diese dem Ohr gegenüber indifferente Kunst, wird ihm zweifelsohne die notwendige Ruhe für sein Studium
und zum Schreiben gesichert haben. Nachdem er sich im Schleifen von Gläsern für Brillen und andere
Zwecke perfektioniert hatte, wie Colerus schreibt, "lernte er von selbst die Zeichenkunst", besonders die
Kunst des Porträts.(6) Als Liebhaber des Theaters und von Parfüms, im täglichen Kontakt mit Malern, übte
sich  Spinoza in der Zeichenkunst.
     Das spinozistische Interesse für Kunst ist also vor allem praktisch. Diese Praxis scheint sich mit dem
ethischen Projekt und seiner Verwirklichung in einem glücklichen Leben zu verbinden. Man kann diese
theoretischen Linien in der 'Ethik' entdecken.

2. Ars corporis

Jedes Mal wenn Texte auf die Kunst und ihre Werke Bezug nehmen, wie im Fall des Anhangs des ersten
Teils der 'Ethik', und vor allem in 'Ethik' 3/P2S(cholium), bezieht sich die wesentliche Frage auf das
Verhältnis von Geist und Körper. In dieser Anmerkung, die an jenes Theorem anschließt, das behauptet,
das weder der Geist den Körper, noch der Körper den Geist zu Bewegung oder Ruhe bestimmen kann,
nimmt Spinoza mehr als anderswo auf Kunstwerke Bezug  'aedificiorum', 'picturarum', 'rerumque hujusmodi'.
(7) Diese Erzeugnisse entstehen "allein aus menschlicher Kunst" ['sola humana arte fiunt'] und ihre Ursache
muss im menschlichen Körper (ohne Interaktion mit dem Geist) gesucht werden, so wie man etwa verfahren
würde, wenn man die Bewegungen eines Schlafwandlers erklären wollte.
     Das ist also der Weg, dem man folgen sollte, um die Originalität von Spinozas Denken über die Kunst zu
verstehen – sowohl in Beziehung zu der Kunst seiner Epoche als auch vielleicht zu der, der unsrigen. Die
Kunst ist also in ihrem Wesen 'ars corporis'. Als Ausdruck des Vermögens des Körpers kann das Wesen
der Kunst nicht mit ihren mimetischen Eigenschaften verwechselt werden. Die Imitation der Natur ist weniger
die genetische Ursache der Kunst, als vielmehr Wirkung der historisch determinierten Praktiken, wie jene
der holländischen Malerei zur Zeit Spinozas. (8) Sie ermisst sich eher ausgehend vom dem, was der Körper
vermag, insofern er als adäquate Ursache dessen verstanden wird, was er produziert. Das Vermögen des
Körpers ist also die einzige adäquate Ursache der Kunst.
  Die Natur der Kunst lässt sich eher auf der Ebene des Problems der Adäquatheit verorten, d.h. auf der
Ebene dessen, was der Körper zu tun vermag 'ex solis legibus ejus naturai' (bloß nach Gesetzen der Natur,
ebd.).

Die Kunst kann allgemein als der körperliche Aspekt einer Handlung verstanden werden:

"Ich sage, wir sind aktiv, wenn etwas in uns oder außer uns geschieht, dessen adäquate Ursache wir sind, d.
h. (nach voriger Definition), wenn aus unserer Natur etwas in uns oder außer uns folgt, das durch sie allein
klar und deutlich eingesehen werden kann." (9)

Die 'ars corporis' als 'potentia corporis' ist insofern eine 'ars imaginandi' sobald man der Imagination die
Möglichkeit, eine gewisse Tugend auszuüben zugesteht, d.h. aktiv zu sein und nicht nur passiv. Dies legt
eine andere Passage der 'Ethik' nahe:

"[W]enn der Geist, während er nichtexistierende Dinge als gegenwärtig vorstellt, zugleich wüsste, dass
diese Dinge in Wirklichkeit nicht existieren, würde er gewiss diese Macht des Vorstellens einer
Vorzüglichkeit und nicht einem Fehler seiner Natur zuschreiben, zumal dann, wenn eine solche Fähigkeit
vorzustellen von seiner Natur allein abhinge, d.h. (nach Definition 7 des 1. Teils) wenn des Geistes
Fähigkeit vorzustellen frei wäre." (10)

Der Sinn dieses Textes wurde oft als rätselhaft erachtet. Man bevorzugt gewöhnlicherweise, die Hypothese
der freien Imagination als eine Hypothese 'circa impossibilia' zu lesen. Und tatsächlich –  wie soll man eine
freie Imagination denken, die per Definition passiv ist, zumindest, wenn man sich an den ' Tractatus de
intellectus emendatione' hält? (11) Jedenfalls ist eine andere Lesart möglich: Wenn auch die Idee einer
absoluten Freiheit der Imagination zurückzuweisen ist (eine solche Freiheit kommt nur Gott zu und
umgekehrt ist ihm die Imagination nicht zu eigen), so lässt sich doch jene beibehalten, wonach eine Freiheit
der Imagination direkt proportional zum Vermögen des Körpers ist, der sie [es? Anm. Übers.] ausübt. In
diesem Sinne endet auch die Anmerkung, die die Positivität der Imagination unterstreicht und somit deren
Möglichkeit, nicht nur lebendig zu sein, sondern auch aktiv.
 In diesem Sinne: Kunst, als Kunst des Körpers, ist eine Kunst der Imagination, durch die der Körper zu
einem größerem Vermögen übergeht indem er seine angeborene Passivität, in eine zumindest partielle
Aktivität transformiert. Die Kunst ist also eine Bestimmung des Körpers zu einer gewissen praktischen
Autonomie, die ihn zu einer größeren Vollkommenheit befördert.
  Als Freude, ist die künstlerische Arbeit ('fabricari') jener Raum, wo der Körper sich die Mittel eines freien
Spiels seines 'ingeniums' verleiht. Die Kunst besteht also zunächst vor allem in der Weise ihres Vollzugs
noch bevor sie bezüglich ihrer Ergebnisse zu beurteilen ist.
  Die Kunst, die einerseits vom Gesichtspunkt ihrer Praxis und ihrer spielerischen Ausübung und
andererseits zugleich vom Gesichtspunkt ihrer Ergebnisse betrachtet wird, stellt also ein wahrhaftes
Lebensmittel des Körpers dar, dessen Leben sich nicht bloß auf seine Blutzirkulation reduzieren lässt.(12)
So lässt sich auch verstehen, dass die Gesundheit durch die freie Entwicklung der Wissenschaften und der
Künste gefördert wird, die die einzigen Fähigkeiten darstellen, die der menschlichen Freiheit ihre
Wirklichkeit verleihen.
  Wenn die Künste sich einzig aus den Gesetzen des Körpers ergeben, so kann man die Kunst
strenggenommen nicht mit der Frage der Wahrheit belasten, wie dies oft im 20. Jahrhundert in der Folge
der heideggerianischen Ästhetik der Fall gewesen ist. Tatsächlich liegt die Wahrheit für Spinoza im Bereich
der Ideen und nicht in dem der Körper. Ebenso wie die adäquate Definition bei Spinoza zunächst nicht die
Frage der Wahrheit im extrinsischen Sinn des Begriffs stellt, sondern in dem des Vermögens und seiner
intrinsischen Wahrheit (die Definition ist nicht adäquat, weil sie wahr ist, sondern wahr, weil sie adäquat ist),
ebenso kann man sagen, dass das Wesen der Kunst allein im Vermögen des Körpers oder der Imagination
und der Gesetzte, die sich davon ableiten lassen, besteht.
  Der Sinn einer solchen Kritik bewirkt jedoch nicht, dass Kunst und Philosophie in einem Ausmaß getrennt
werden, dass sie einander fremd werden, sondern dass die eine wie die andere in ihrer Unterscheidung
bewahrt wird – jede, indem sie sozusagen in ihrem Bereich frei bleibt, während sich sehr wohl aus ihnen ein
und dasselbe Vermögen (jenes des 'conatus') ergibt.  Wie Spinoza schon die Theologie und die
Philosophie von einander getrennt hatte, um sie von einander unabhängig zu machen, scheint der
Spinozsimus heute die Ästhetik von der Philosophie zu trennen, ohne Unterordnung des einen unter das
andere.
 Die Kunst lässt sich also als genetisches Vermögen des Körper verstehen, so wie andererseits die
Philosophie gänzlich im Vermögen des Geistes beinhaltet ist. In dieser Hinsicht kann man dann die
geometrische Methode verstehen, die von der Philosophie als jene Kunst angenommen wurde, die
ausgeübt wird, um die Imagination besser gemäß der Norm des Verstandes zu leiten.

3. Aesthetica sive ethica

Das nicht-ästhetische Denken Spinozas scheint heute interessanter denn je zu sein – in einer Zeit, die vom
Skeptizismus und einem diffusen Relativismus hinsichtlich der Möglichkeit einer, selbst minimalen, Definition
der Kunst beherrscht wird. Ein Ansatz spinozistischen Typs kann nicht nur helfen, diese Krise anzunehmen,
indem man den Diskurs über den Niedergang der Kunst (über ihr angenommenes Ende oder ihren Tod)
enstaubt, sondern kann auch ihre Gründe verstehen helfen.
 Was ist die Kunst? Das ist eine Frage, die viele Künstler und Philosophen im 20. Jahrhundert beschäftigt
hat. Arthur Danto glaubt, dass er das Problem kaum richtig benennen kann, wenn er z.B. schreibt:

"Das Verhältnis zwischen der Kunst und der Philosophie ist alt und komplex und (...) ich muss anerkennen,
dass seine Subtilität so beschaffen ist, dass sie vielleicht unser analytisches Beschreibungsvermögen
überschreitet, wie das auch beim Verhältnis zwischen Geist und Körper der Fall ist: es ist keineswegs
offensichtlich, dass man die Kunst und die Philosophie trennen könnte, da die Substanz der Kunst teilweise
von dem gebildet wird, was man philosophisch darunter versteht." (13)

Um Kunst und Philosophie zu unterscheiden, ohne sie radikal trennen zu müssen, braucht es eine
Philosophie, die im Stande ist, das Verhältnis von Geist und Körper adäquat zu verstehen. Wenn so viele
Polemiken über die Kunst das zeitgenössische Denken betrübt haben, so nicht nur auf Grund der
historischen Umwälzungen, die die praktisch künstlerischen Praktiken betreffen, sondern auch und vor
allem aus Gründen der philosophischen Verwirrung bezüglich des Vermögens des Geistes und des Körpers.
   Unter diesem Gesichtspunkt bietet der Spinozismus eine Grundlage (zwar eine minimale, aber eine
immerhin eine Grundlage) zur Beantwortung der Frage nach dem Wesen der Kunst. Sie erlaubt es, die
beiden Enden des Dilemmas zu fassen, in dem das zeitgenössische Denken eingeschlossen ist –
eingezwängt zwischen den Befürwortern einer nominalistischen Definition (Kunst ist alles, was man Kunst
nennt) und den Befürwortern einer realistischen Konzeption ihres Wesens. Ein spinozistischer Ansatz
erlaubt es, diese beiden Aspekte zu bewahren und zwar zugunsten einer kulturellen und historischen
Relativierung der Künste, ihrer Hierarchien und ihrer Genres (was auch der Zustand der Kunst heute sehr
gut widerspiegelt), aber vor allem zugunsten einer Neubegründung der Ästhetik in der Ethik, vor allem in
dem, was man eine Ethik des Körpers nennen kann.
  In diesem Sinn braucht der Spinozismus keine Ästhetik zu schreiben, denn die ästhetische Erfahrung
findet sich bereits in das ethische und politische Projekt eingeschrieben, wo, wie etwa im 'Tractatus
theologico-politicus' behauptet wird, die Künste gemeinsam mit den Wissenschaften "zur Vervollkommnung
der menschlichen Natur und zu ihrer Glückseligkeit höchst notwendig sind." (14) Die Künste sind also
Weisen, die Praktiken mit denen der Körper strebt, einzig mit den Gesetzen seiner Natur und seiner
Techniken, sich in Werken zu verwirklichen, zum Zweck der Ausweitung seines Vermögens und um aktiv die
Ewigkeit seines Wesens zu genießen. Die Kunst, ist weder im Objekt, noch im Subjekt, sondern in der
Weise, wie der Körper die Objekte modifizieren muss und von ihnen modifiziert wird, im Sinne seines
größtmöglichen Vermögens. Das Vermögens des Körpers ist somit sowohl die adäquate Ursache der
Kunstwerke, wie auch des Kunsteffekts, den er im Werk verwirklicht. Wenn die Künste nicht ewig sind,
sondern immer in ihren Formen der Geschichte ihrer Praxis unterworfen, so steigert das, was mit der Kunst
erzeugt wird, die Gesundheit des Körpers und bewirkt sein Heil und lässt ihn seine Ewigkeit genießen. In
diesem Sinn bildet die Kunst als körperliche Praxis die aktive Tugend des Körpers und verwirklicht eine der
Imagination eigene Form der Freiheit – gemäß einer internen Notwendigkeit, die dem Körper als Körper
angehört.
 Das Vermögen des Körpers zu kultivieren, bedeutet, den ewigen Teil des Geistes auszuweiten, denn wie
Spinoza in E5P39 schreibt:


"Wer einen Körper hat, der zu sehr vielem befähigt ist, hat einen Geist, dessen größter Teil ewig ist."

Alles lässt also darauf schließen, dass unser Empfinden der Ewigkeit umso größer ist, in
dem Maße als eine
Kunst der Imagination entwickelt wird, die dem Körper zu eigen ist, um die Freude und das Heil
auszudrücken, die ihm zu eigen sind. Deshalb gibt es keine Philosophie ohne Kunst. Die Kunst des
Denkens ['ars excogitandi'] (15) und die Kunst zu imaginieren, als Kunst des Körpers, bildet zusammen die
Lebenskunst, was Spinoza 'ethica' nennt.

*Worte zwischen einfachen Anführungszeichen sind im Original kursiv. (Hans Müller)

Anmerkungen
(1)
(2) " arte multa, quae difficilia sunt, facilia redduntur" (TIE §15)
(3) E3P2S
(4) E4 Vorwort
(5) E1 Anhang
(6) Colerus, Johannes, 1705: Kurze, aber wahrhaftige Lebensbeschreibung von Benedictus de Spinoza aus
authentischen Stücken und mündlichem Zeugnis noch lebender Personen zusammengestellt[1]
Von Johannes Colerus, deutschem Prediger der lutherischen Gemeinde in ’s Gravenhage. In:
Walther/Gebhardt, 1988: Lebensbeschreibungen und Dokumente. Hamburg. Meiner; Kapitel 5, Seite 85
(7) 'Ethik', S.114 (Meiner einsprachige Ausgabe); S. 263 (Reclam)
(8) Siehe in diesem Sinne auch: F. Mignini, 1981: Ars imaginandi. Apparenza e realtà in Spinoza, Napoli,
Edizioni Scientifiche Italiane,
(9) E3Def2
(10) E2P17S
(11) Bezüglich der Frage des Kunstbegriffs und seinem Verhältnis zur Idee der Methode im TIE siehe A.
Klajnman, 2006: Méthode et art de penser chez Spinoza, Paris, Kimé.
(12) TP, Kap5§5
(13) A. Danto, 1993: L’assujettissement philosophique de l’art, Paris, Seuil, p. 23. (Übersetzung des Zitats
Hans Müller)
(14) TPT, Kap. 5
(15) E3P2S

Übersetzung: Hans Müller
Originalbeitrag auf Französisch:
http://caute.2084.ru/spinoza/mds/lv.htm
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