Zusammenfassung von

Citton, Yves, 2008: "Jacques le fataliste: une ontologie
spinoziste de l'écriture pluraliste", In: Archives de Philosophie,
2008/1 – Band 71, S. 77-93

Der Artikel rekonstruiert Diderots grundlegend spinozistische Konzeption menschlicher Handlungsfähigkeit mittels einer
eingehenden Analyse einer Episode aus 'Jacques der Fatalist und sein Herr', die Pater Hudson gewidmet ist. Diese
Konzeption wird als eine "Ontologie der der Spur" und des (quasi-physischen) Eindrucks dargestellt, in der
Handlungsfähigkeit in Begriffen des Schreibens, Vorschreibens, Gegen- und Meta-Schreibens hinsichtlich des
Verhaltens anderer Akteure neu definiert wird. Jacques' Motto, wonach "alles, was uns hienieden an Gutem oder
Bösem widerfahre (...) da droben geschrieben" stehe, wird re-interpretiert und als zutreffend herausgestellt:
Menschliche Handlungsfähigkeit muss in Begriffen einer Hierarchie von Schichtungen untersucht werden, die sich auf
die höheren Ebenen eines Meta-Schreibens oder Über-Codierens beziehen, welche von "da droben" niederschreiben,
was "hienieden" geschieht. In einem abschließenden Abschnitt wird zu zeigen versucht, wie eine solche Definition
menschlicher Handlungsfähigkeit, es Diderot erlaubt, eine zugleich monistische und dennoch radikal pluralistische
Position einzunehmen.

Der Text Diderots 'Jacques der Fatalist und sein Herr' (reclam 9335) ist für Citton eine treffende Darstellung dessen,
was die menschliche Freiheit ist, bzw. was sie nicht ist. Gleichzeitig entspricht diese romanhafte Reflexion über die
Freiheit der spinozistischen Definition.


Spinozismus als eine Ontologie der Schrift.

Der Autor stützt sich bei seiner Lektüre nicht auf die expliziten und eher ironisch distanzierten Nennungen Spinozas im
Roman, sondern auf die "vielfachen Bezugnahmen aus dem Register und der Wortwahl der Schrift (écriture) auf allen
Ebenen der Erzählung (79). Spinozistische Ideen finden eher unter der Oberfläche des Textes ihre Resonanz.

Auch ist die fatalistische These, die immer wieder im Roman vertreten wird, nicht völlig ernst zu nehmen. Durch die
Problematik des Schreibens im Roman erfährt das Konzept des Fatalismus eine grundlegende Dekonstruktion.

Der Hintergrund für Cittons Lesart ist seine These, dass der Spinozismus eine "Ontologie der Schrift" darstellt. Er geht
von Interpretationen aus Lorenzo Vinciguerras Buch 'Spinoza et le signe' aus. Vinciguerra arbeitet, ausgehend von der
"kleinen Physik" im Anschluss an E2P13, eine Logik der Spurung/Spurgebung ( logique du traçage ) heraus, die sich
auf eine Dreiteilung zwischen dem Flüssigen, dem Harten und dem Weichen der Körper bezieht. Im Grunde ist es aber
die mittlere Kategorie des Weichen, die sich allgemein auf alle Körper bezieht, denn im Vergleich zu einander sind alle
Körper mehr oder weniger weich und insofern auch fähig, auf oder in einander Spuren zu hinterlassen.

"Eine solche Physik der Spur mündet letztlich in einer neuen Definition des Körpers als etwas, das 'geschrieben ist'
und das 'schreibt'." (80) Diese Definition beinhaltet, dass die Konstitution eines Körpers, als Affektion, als das
Ergebnis aller in ihn eingeschriebenen Spuren zu betrachten ist. "'Der Körper darf nicht als eine Portion von
Ausdehnung vorgestellt werden, aus der er sich durch eine Gestalt heraushebt, die ein Innen und ein Außen besitzt,
sonder als eine bestimmte Weise, affiziert zu sein und zu affizieren, d.h. als eine bestimmte Weise 'gespurt' zu sein und
eine bestimmte Weise die Ausdehnung zu 'spuren' und Zeichen zu produzieren." (Vinciguerra, 223)


"Das Weiche des Körpers ist der Ort, wo sich die Körper einschreiben und sich schreiben, indem sie sich signalisieren
und sich gegenseitig Bedeutung zuschreiben. Die menschlichen Bedeutungen sind ein Teil des unendlichen
Prozesses. Der Mensch ist nicht die Quelle. (...) Es ist kaum eine Metapher zu sagen, dass der Körper weich ist. Wie er
auch sei (menschlich oder anders) – er ist ein Schrift-Raum, der nährt, was Baudelaire "das immense und komplizierte
Palimpsest der Erinnerung" nannte. Unter der Oberfläche erhalten sich andere Schriften, andere Schichtungen und
Sedimentationen von Markierungen, die weiter wirksam sind. (...) Der Körper ist somit eine Schrift von Schriften,
sowohl eine Verkettung als auch eine Inszenierung von Markierungen, die sich mit der Erfahrung anreichert und
komplizierter wird." (ebd., 167f)



Vinciguerra behandelt somit das Thema "Körper" als den theoretischen Ort in der Philosophie Spinozas, in der seine
Ontologie eine semiotische Konkretisierung erhält. Man könnte diese ungewöhnliche Ontologie, eine Ontologie der
Verhältnisse (Morfino) oder eben auch eine der Schrift nennen. Wesentlich ist, dass ihre Substanz gänzlich aus
Verhältnissen bzw. aus Verhältnissen von Verhältnissen besteht, in denen die "Ordnung und Verknüpfung" von
Dingen, sowohl "Ursachen" als auch Zeichen betrifft.

Schreiben,  vorschreiben,  gegen-schreiben, meta-schreiben: das Handlungsmodell des Pater Hudson

Im Roman Diderots erzählt der Marquis des Arcis eine Geschichte aus dem Leben seines Sekretärs Richard, der eine
Vergangenheit als Novize beim Orden der Prämonstratenser hatte. In dieser Zeit hatte er auch mit den
Machenschaften des Pater Hudson zu tun. Dieser war Abt eines Klosters, das dieser mit großer Strenge führte.
Allerdings hielt sich Pater Hudson selbst keinesfalls an jene Strenge, die er den anderen auferlegte, sondern erlaubte
sich selbst alle Freuden (v.a. des Fleisches), deren er teilhaftig werden konnte. Da diese dreisten Umtriebe nicht völlig
verborgen werden konnten, machte er sich zahlreiche Feinde, die nur auf eine Gelegenheit warteten, ihn zu Fall zu
bringen. Zwei Mönche, Richard ist einer von ihnen, werden auf ihn angesetzt, um Stellungnahmen zu sammeln, die die
Vergehen des Abts belegen sollten. Pater Hudson erfährt aber von deren Auftrag, nutzt seine Beziehungen und
verwickelt die beiden in kompromittierende Situationen, sodass letztlich die beiden jungen Mönche als Frevler
dastehen.

Die Geschichte stellt die strategischen Rochaden des Pater Hudson dar. Dabei greift Diderot immer wieder auf die
Bedeutungsregister des Schreibens zurück.

Dem Ordensgeneral werden Denkschriften gesendet (reclam, 212).

Die beiden Mönche erstellen Listen von Freveltaten (ebd., 213).

Pater Hudson schreibt einer Komplizin, einer jungen Frau, vor, was sie den beiden Mönchen zu sagen habe (215).

Die Mönche machen Notizen auf ihren Schreibtäfelchen (215).

Die junge Frau, soll den "Akt vollziehen" und den Bericht unterschreiben (215).

Dann wieder ist der Abt am Zug: "'Nimm die Feder', sagte er zu dem jungen Mädchen, 'und schlag ihnen eine
Zusammenkunft an einer Stätte vor, die ich dir sagen werde.'" (216)

Der Abt "diktiert" auch noch einem anderen Komplizen, einem Polizeikommissar, "seine Rolle" (217)

Dieser nimmt ein Protokoll auf, das (217) die Mönche unterzeichnen müssen (217).


Welche Schlüsse zieht nun Citton aus der Ansammlung an Schreibgesten auf diesen wenigen Seiten? Was bedeutet
"schreiben" oder "Spuren ziehen" (tracer)? Citton orientiert sich hier wieder an Vinciguerra:

Die "Logik der Spurung" besteht darin,

a) bei einem anderem Wesen Eindrücke hinterlassen auch ohne explizite Kommunikation; Beispiele: die Sonne bräunt
die Haut, die Reise mit dem Flugzeug verursacht Veränderungen an der Ozonschicht, das Weinen deutet an, dass
jemand traurig ist, die Frauen, die man bei nächtlichen Besuchen im Haus des Paters Hudson beobachten kann,
enthüllen, dass seine Sitte nicht so streng sind, wie er vorgibt. (Citton, 82)

b) eine Spur mit der Absicht einschreiben, das Verhalten anderer auf eine gewisse Weise zu bestimmen; Beispiele:
einem Untergebenen eine Anweisung "vorschreiben", eine Denkschrift an einen Vorgesetzten schicken, um das
Verhalten eines Mitbruders zu denunzieren. (ebd., 83)

c) der Vollzug einer Schreibgeste im eigentlichen Sinn, die zu den bereits vorhandenen, in eine Struktur
eingeschriebenen Zwecken, noch eine zusätzliche, überdeterminierende Zweckebene hinzufügt; Beispiele: Vollzug
eines juristischen Aktes, eine Deklaration unterzeichnen oder verkünden, jemanden seine Rolle vorschreiben. Alle
diese Formen der "Spurung" beruhen auf einer Meta-Schrift, deren Hauptwirksamkeit nicht in einem unmittelbaren
Inhalt zu suchen ist, sondern auf einer höheren Ebene (juristisch, darstellerisch), die den ersten Einfluss ersetzt oder
in Richtung eines zweiten Einflusses ablenkt.

Es ist gerade dieser dritte Typ von (Meta-)Schrift der konstitutiv für die Lüge, die Manipulation, das Schauspiel und die
Fiktion ist.


In Bezug auf die Episode des Pater Hudson:

1) Es geht weniger darum, was Pater Hudson wirklich tut, sondern darum, welchen Eindruck seine Verhaltensweisen im
Geist anderer machen

2) Die eigentliche Handlung von Menschen besteht weniger darin, die materielle Wirklichkeit direkt zu markieren, als
darin, die Weise zu inszenieren, in der andere Menschen, ihre Markierungen in die Wirklichkeit einschreiben.

Gemäß Citton findet sich also in Diderots Roman eine regelrechte Handlungstheorie, die ohne die Illusion eines freien
Willen auskommt: Der wirksamste Akteur (und aus spinozistischer Sicht freieste), erscheint nicht nur als Schauspieler,
der fähig ist, seine Gesten und die Wirkung, den Eindruck auf die Zuschauer zu kontrollieren, sondern v.a. als
Dramaturg, der im Voraus schreibt, was die anderen, mehr oder weniger freien, Akteure, die er manipuliert und deren
Verhalten er antizipiert, sagen werden.

Oder allgemeiner:

Wenn man mit seinen Kollegen, seinen Freunden, Schülern, Kindern spricht, so doch deshalb, um im Voraus (einen
Teil) ihres zukünftigen Verhaltens zu "schreiben" oder zu "präparieren", und zwar in die Richtung, die uns am meisten
mit unseren und/oder ihren Interessen zu vereinbaren zu sein scheint.

3) Die Rollen, die man zu inszenieren versucht, werden umso glaubwürdiger gespielt, als die Akteure in die Lage
versetzt werden, "nichts anderes als die Wahrheit zu sagen", wie der Abt seiner jungen Komplizin einschärft. Das
Genie, die überlegene Handlungsfähigkeit des Abt Hudson erweist sich darin, dass er die junge Frau eben ihre eigene
Rolle gegenüber den Mönchen spielen lässt und sich darauf beschränkt, den Kontext zu inszenieren, in dem die
Treffen dieser drei Personen dann von anderen wahrgenommen werden.

Auch wenn hier der Zusammenhang ein zynischer (oder zumindest ein ironischer ist), so schöpft Citton noch eine
zusätzliche Lehre aus dem Roman Diderots. Auf der ethischen Ebene sei die Lehre Diderots klar: Nur wenn es, von
einem empirischen Gesichtspunkt aus betrachtet, am meisten zu gewinnen gibt, ist es die Mühe wert, überhaupt das
Spiel von Wahrheit und Tugend zu spielen. Um "im Voraus zu schreiben", um "vorzuschreiben"

4) Vor dem konflikthaften Hintergrund der Episode lässt sich noch eine Lehre ziehen: Die Emanzipation beruht auf
einer Strategie, die darauf abzielt, die zukünftigen Verhaltensweisen auf einer Ebene der Meta-Schrift "zu schreiben",
die höher ist als jene, auf der der Gegner schreibt.

Im Sinne des Determinismus: Keine Handlung ist "ursprünglich", sondern beruht immer auf einer Reaktion auf die
bedingenden Ursachen. Jedes Schreiben muss in einer bestimmten konflikthaften Auseinandersetzung verortet
werden und erscheint somit als eine Gegen-Schrift. Dabei geht es um ein strategisches Zuvorkommen, neutralisieren
und um ein Umkehren von Wirkungen.

Die Gegen-Schrift ist nur in dem Ausmaß wirkungsvoll, als sie sich als Meta-Schrift zu etablieren vermag: Den
Benachteiligungen und Unterwerfungsversuchen anderer entgehen, die Vorteile nutzen, die in der Interaktion mit
anderen liegen – dies impliziert die Fähigkeit die Zeichen, die von anderen ausgehen, übercodieren zu können. Es
geht also darum, Protokolle, in den Rahmen umfassenderer Protokolle zu integrieren.


Wie steht es nun mit dem "Da-droben"?

Gegen die Illusion einer von vornherein gegebenen Freiheit, setzt Diderot eine eroberte, erworbene Freiheit. Insofern
Spinoza auf ein Erhöhungs-Erweiterungsstreben aus ist, das uns mittels vernünftiger Erkenntnis hin zur Freiheit führt,
stimmt seine Konzeption mit der Diderots überein, selbst wenn die aktiven Figuren des Romans Affekte realisieren, die
aus spinozistischer Sicht zu vermeiden wären. Das Modell des strategischen Verhaltens wäre aber parallel.

Aus  einer emanzipatorischen Perspektive der Erweiterung der Handlungsfähigkeit, bedeutet Meta-Schrift also, auf
einer höheren, überlegenen Ebene den Diskurs zu schreiben, also den Diskurs der anderen überzukodieren. Was in
den zwischenmenschlichen Beziehungen zählt, ist weniger, was ich dem anderen direkt sage, als vielmehr das was "da
droben" geschrieben ist, nämlich in dem übercodierten Drehbuch, in das ich die Gesten des anderen einschreibe,
meistens ohne seine Kenntnis.

Alle unsere Einschreibungen/Schriften auf ein immanentes "Hienieden" zurückzuführen, maskiert letztlich nur die
Schichtung, die unsere gesellschaftlichen Interaktionen durchzieht. unsere Wirklichkeit ist keine, die von frei
schwebenden Gleichen hergestellt wird, sondern sie besteht aus vielfachen Ebenen der Übercodierung. Deren
Hierarchien und Kräfteverhältnisse wahrzunehmen, ist von entscheidender Bedeutung. Wir dürfen das "Da droben"
nicht aus unserem Diskurs streichen. "Da droben" muss als eine Funktion (qualitativ und quantitativ) des Grades an
Voraussicht, Vorsicht und Vorsorge neu definiert werden – und als ein Grad an Handlungsfähigkeit, der jede Form des
Verhaltens charakterisiert.

'Jacques der Fatalist'  nimmt nicht nur die Menschen so wie sie sind (als Komplexe an Rationalität und Affektivität, die
öfter zum Lachen und Weinen neigen, als sich der schwierigen Suche nach Ursachen zu widmen), sondern er schreibt
sie auch explizit und praktisch in einen konkreten Handlungstyp ein, der (uns) über die Prinzipien der menschlichen
Interaktion aufklärt..

Die Meta-Fiktionalität von 'Jacques' besteht in einer Szenographie, die es erlaubt, zugleich die Rolle der Meta-Schrift in
den menschlichen Beziehungen zu enthüllen und zu analysieren. (88) Indem immer wieder die Figur des Autors und
des Lesers innerhalb der konflikthaften Beziehungen ins Spiel gebracht wird, gewöhnt uns Diderot daran, uns
systematisch die Frage zu stellen, wer unser Verhalten tatsächlich übercodiert, zu welchen Zwecken. Welches
"Dadroben" macht aus mir effektiv seine Marionette oder Hampelmann, während ich die Naivität habe zu glauben, dass
ich frei handle. Während ich über die Großzügigkeit des Marquis des Arcis am Ende weine oder über die Streiche
Jacques' gegenüber seinem Herren lache, erlaubt es mir die Meta-Fiktionalität des Romans das Spiel der
Übercodierung zu verstehen, das in den Spurungen, die uns konstituieren (aktiv und passiv) am Werk ist – auch und
gerade hier und jetzt in den literarischen Interaktionen, in die ich beim Lesen einbezogen bin und die mich
beherrschen.

In diesem Sinne integriert 'Jacques' die affektive Dimension von Spinozas spirituellem Automat, ebenso wie seine
Einschreibung in eine geschichtete Welt von konfliktuellen Meta-Schriften.


Die Erfindung eines pluralistischen Monismus

Um die Wendung besser zu verstehen, die Diderot dem spinozistischen Denken in 'Jacques' gibt, vergleicht Citton ihn
mit zwei anderen spinozistischen Denkern (genauer: Er vergleicht weniger die Inhalte ihres Denkens als dessen
Formen, 89) des 18Jhs. – d'Holbach und Léger-Marie Deschamps. Alle drei Autoren stützen sich auf den Anhang zu
E1, lehnen die Idee der Vorsehung ab und versuchen das Sein als eine nicht-vorgeordnete Vielfalt zu denken, in dem
jeder einzelne Teil nur inmitten einer sich ständig umgestalteten Totalität gedacht werden kann. Es geht also um die
Vereinbarkeit des Prinzips der Vielfalt (da die Einheit des Universums auf keinem zentralisierenden Verstand beruhen
kann) und des monistischen Prinzips (da es nur eine natürliche Totalität gibt, in der alles miteinander verbunden ist).  
In aller Kürze:

d'Holbachs Denken in seinen Abhandlungen ist auf klassische Weise monologisch. Er denkt das Verhältnis von
Vielheit und Chaos auf subtile Weise. Sein Denken ist ein geordneter Fluss, resultierend aus einer einzigen Stimme.
Sein Denken ist eher dogmatisch formuliert.

Léger-Marie Deschamps behauptet, quasi-lacanianisch,  ohne falsche Bescheidenheit, die Wahrheit zu sein, die durch
seinen Mund spricht. Allerdings ist dieses "Sein" bei ihm eines, das in einer allgemeinen Wechselwirkung steht und die
Wahrheit vielstimmig ausdrückt.

Wie auch immer. Zu Diderot: Auch bei ihm ist alles mit allem verbunden, ein absolut autonomes Ding ist unmöglich. Mit
der Idee des Ganzen beginnt alle Philosophie. Doch der Ausdruck dessen, was uns zur Wahrheit führt, kann niemals
monologisch sein, noch die Form eines Einklangs oder auch nur eines harmonischen Akkords von Gegensätzen
annehmen. Die Unentscheidbarkeit des Verhältnisses zur Wahrheit, das von den inkompatiblen Stimmen des Ich und
des Anderen unterhalten wird, lässt die Einsicht (intellection) in die Spannung inkompatibler und unversöhnbarer
Diskurse entstehen. (91)

Diderot widmet den Großteil seines Werks dem Unternehmen, die potentia intellectus, als Bereich der libertas humana,
in der Form einer intel-lectio neu zu definieren, d.h. einer Lektüre, die sich zwischen zwei widersprüchlichen Diskursen
verortet – als Kunst, sich zwischen die Stühle zu setzen – um jeder dogmatischen Selbstgerechtigkeit zuvorzukommen.
Die dem spinozistischen Monismus und seinem Notwendigkeitsdenken inhärente Rationalität lässt verstehen, dass die
rationale Festigkeit eines Diskurses von seiner Fähigkeit abhängt, die stärksten Einwände und Entgegnungen
aufzunehmen und in den eigenen Diskurs zu integrieren. Wenn Diderot dann etwa in 'Jacques' manchmal gegen den
Spinozismus seiner Zeit Stellung zu beziehen scheint, so ist er gerade darin sein stärkster Ausdruck. Spinozismus
eben nicht als Doktrin, sondern als Abenteuer des Denkens, ständig bereit sich an den Grenzen seines Außen zu
streiten.

Das Universum in 'Jacques' ist, eine Welt der Opazität, der Deformation, eine Welt, in der eine bisher unbekannte
Meta-Schrift jeden Moment droht, das bisherige Schicksal der Individuen und der gesellschaftlichen Formen, die sie
sich geben, überzucodieren und neu anzuordnen. Der Monismus Diderots besteht in der Anerkennung der
Interdependenz und des Zusammenhangs aller Teile der Natur, ohne die Einstimmigkeit zum Ziel der gesellschaftlichen
Organisation zu machen. Seine Ontologie erkennt im Gegenteil der Substanz eine pluralistische Form der
Überschneidung gegensätzlicher Schriften zu, die umso intel-ligenter und wirksamer sind, als sie es verstehen, die
Spuren der Gegner überzukodieren, ohne je andere Siege als lokale und vorläufige zu erwarten:

E4Ax
"Es gibt kein Einzelding in der Natur, in Bezug auf das es nicht ein anderes gäbe, das mächtiger und stärker ist.
Welches auch immer gegeben sein mag, es gibt ein anderes, mächtigeres, von dem es zerstört werden kann. "

Hans Müller 18/01/2009
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