Antwort auf die Frage:
"Hat es einen Sinn bei Spinoza von Wahrheit zu sprechen, wenn man, wie Popper
gezeigt hat, eine metaphysische Aussage – also letztlich ein metaphysisches
System – weder verifizieren noch falsifizieren kann?"

Popper hat vor allem und im Wesentlichen die Bedingungen der Wissenschaftlichkeit der Physik
untersucht. Und er hat gute Arbeit geleistet. Es braucht aber wenig Logik, um zu den Ergebnissen
dieser ausführlichen Untersuchung zu gelangen: Es gibt kein Verständnis der physikalischen
Phänomene, ohne sich mit dem zu beschäftigen, was uns von ihnen zu denken aufgeben ist. Diese
Phänomene erscheinen für uns in wandelbarer Form trotz der Regelmäßigkeiten, die wir in ihnen
glauben feststellen zu können. Es gibt also keine definitiv wahre Aussage in der Physik, sondern nur
Annäherungen.

Der Folgesatz dieser Logik ist das berühmte Falsifikationsprinzip: Eine Aussage, die sich auf ein oder
mehrer Wahrnehmungsphänomene bezieht und durch verschiedene Mittel versucht die Brüchigkeit
des Wissens über diese Phänomene zu umgehen, kann keinen wissenschaftlichen Wert haben. So
ist etwa die Aussage: "Es gibt eine lateinische Formel, die es erlaubt, alle Krankheiten zu heilen"
unwiderlegbar, was aber keinesfalls ihre Wissenschaftlichkeit oder Wahrheit belegt.

Was aber rechtfertigt, dass dieses Falsifikationsprinzip in andere Untersuchungsbereiche exportiert
wird? In dieser Hinsicht, und selbst nach der Meinung Poppers, scheint es, dass die Mathematik
keine Wissenschaft ist, da ihre axiomatischen Grundlagen tatsächlich unwiderlegbar sind. Weiters
interessiert sich die Mathematik für die Gewissheiten, die der Verstand aus sich selbst zieht und nicht
aus der Untersuchung dessen, was ihm äußerlich ist. Wir befinden uns also hier nicht mehr im
Bereich der Phänomene –  auch wenn dieses Wissensgebiet in der Folge Anwendung im
Verständlichmachen und in der Beherrschung der Wahrnehmungsphänomene findet. Das
Falsifikationsprinzip aus der Physik zu exportieren, ist also genauso wenig gerechtfertigt, wie – z.B. –
in sie jene Methoden zu importieren, die für die Hermeneutik gelten.

Die Philosophie ist in ihrer Selbstcharakterisierung die Untersuchung der Prinzipien der Existenz, also
der Wesenheiten, und unterscheidet sich hierin seit der Verselbständigung der Physik, die etwa im
17.Jh. begann. Diese physikalischen Wissenschaften, die man experimentell nennen kann,
versuchen das Funktionieren der Phänomene zu verstehen, ohne Hinblick auf ihre Natur.

Die wahre Idee stimmt mit dem überein, von dem sie die Idee ist. Hier haben wir ein Axiom und nicht
nur eine einfache Definition, denn es behauptet, dass es etwas an der Idee gibt, das existiert: Es gibt
nur dann eine wahre Idee, wenn es eine Übereinstimmung mit dem gibt, was sie repräsentiert. Dieses
Axiom gilt sowohl in der Philosophie, als auch anderswo. Halten wir fest, dass Popper dies nicht
bestreitet und dass er die Schlussfolgerung zieht, dass, obwohl keine Aussage völlig verifizierbar ist,
er dennoch die alte Idee der Skeptiker und Kants wieder aufnimmt, dass die Dinge an sich nicht
erkennbar seien. Damit ignoriert er auf grandiose Weise die Lösung, die Spinoza mit seiner Theorie
der adäquaten Ideen für dieses Problem liefert. Popper selbst vermag es nicht, die
Falsifikationsbedingungen seiner These der notwendigen Falsifizierbarkeit der physikalischen
Aussagen anzugeben, da er tatsächlich eine Philosophie der Wissenschaften betreibt und nicht
Physik.

Es bleibt aber noch die Frage: "Wie funktionieren die Phänomene?" Es ist möglich, sich dem Wahren
in diesem Bereich anzunähern, indem man diese Phänomene beobachtet und Hypothesen aufstellt,
die dieses Funktionieren erklären. Dabei müssen diese Erklärungen quantitative Messungen und
präzise Experimente beinhalten. Es kann hier also Wahrheit geben oder vielmehr eine hohe
Wahrscheinlichkeit in diesen Aussagen, denn es kann hier auch Irrtum geben. Wenn die von der
Hypothese vorausgesagten Ergebnisse nicht mit dem Experiment übereinstimmen, so ist die
Hypothese widerlegt oder "falsifiziert".

Wenn man sich fragt, was die Natur solcher Phänomene wie Zeit oder Raum ist, soll man dann
dieselbe Methode übernehmen? Offensichtlich ist das unmöglich, da sich diese Prinzipien der
empirischen Beobachtung entziehen. Gibt es also bei diesem Untersuchungsgegenstand nur Willkür?
Wenn das der Fall wäre, würden die Philosophen einander nicht lesen und sie würden einander nur
wenig diskutieren. Außerdem bräuchte es kein Bemühen um Beweisführung.

Dass sich Philosophen bemühen, unwiderlegbare Prinzipien zu formulieren, ohne es dabei an
Strenge mangeln zu lassen, bedeutet keinesfalls, dass sie a priori gegen jeden Irrtum gefeit wären.
Es kann immer einen Mangel an Reflexion geben und man kann darüber diskutieren.

Das zweite Axiom der 'Ethik' lautet: "Was durch ein anderes nicht begriffen werden kann, muss durch
sich selbst begriffen werden." Hier stellt Spinoza das Prinzip auf, nach dem ein jedes Ding eine
positive Ursache haben muss, äußerlich oder innerlich. Ein solches Prinzip kann tatsächlich nicht an
sich bewiesen werden. Man kann annehmen, dass das für eine Person mit guten Absichten auch
nicht nötig ist – zumindest nach ein wenig Nachdenken, um zu verstehen, was dieses Axiom bedeutet.
Es muss nicht bewiesen werden, weil es in sich selbst seine eigene Notwendigkeit besitzt. Das trifft
auch für die nicht-empirische Aussage zu, dass etwas existiert, denn die Aussage selbst existiert
empirisch für denjenigen, der sie versteht und es gibt kein Denken, das nicht auf die eine oder
andere Weise unterstellt, dass "etwas existiert".

Man kann sich aber fragen, ob der Autor des Axiom 2 sich nicht auch hätte fragen müssen, ob es
nicht auch etwas gibt, das sich durch nichts begreifen lässt. Ein Spinozist würde antworten, dass es
keinen solchen Fall gibt, wo sich etwas durch nichts positiv Existierendes begreifen ließe. Er könnte
umgekehrt fragen, ob der Fragende etwas verstandesmäßig (und nicht nur imaginativ) begreifen
kann, das aus nichts entstehen würde. Eine Diskussion wäre also möglich. Ebenso kann man sich
fragen – auf der Ebene der Kausalität – ob etwas anderes als transitive Ursachen existieren. Es wäre
also eine Diskussion über die Gültigkeit dieses Axioms möglich.

All das ist möglich weil wir dieselbe Vernunft gemeinsam haben. Anders gesagt dieselben
Gemeinbegriffe (also: kein Körper ohne Ausdehnung, Bewegung oder Ruhe, keine Individuen, die
nicht aus anderen Körpern zusammengesetzt wären, etc.). Auf diese Basis zurückzugreifen, erlaubt
es, die wirklichen Evidenzen, die von selbst und vollständig im  Geistigen entstehen, von den
Falschheiten zu unterscheiden, die im Geist durch einen Mangel an Nachdenken entstehen. Ein
Nachdenken, das für den Leser immer möglich ist und das rechtfertigt, dass es einen Sinn hat, zu
diskutieren.

Wir sind hier also weit von den vagen Allgemeinheiten der Astrologie – für Popper das Modell einer
falschen Wissenschaft – entfernt, das unwiderlegbar ist, weil es nur vage Behauptungen aufstellt und
immer Raum für Interpretationen lässt. Wenn Spinoza behauptet, dass alles was ist, entweder in sich
oder in einem anderen ist, so gibt es nicht 36 mögliche Interpretationen (nicht einmal zwei). Die Arbeit
des Philosophiehistorikers besteht darin, die verschiedenen Interpretationen zu untersuchen, die
manchmal die natürliche Sprache notwenig machen und dasjenige zu sehen, das nicht im Zuge von
Ereignissen entsteht, sondern gemäß der notwendigen Logik des Systems.

Somit ist hier die Verifikation unmittelbar, im Gegensatz zu den in den empirischen Wissenschaften
gültigen Verifikationen: Dass ein existierendes Ding entweder aufgrund seiner selbst, oder aufgrund
eines anderen Dings existiert, erfordert nicht, dass man das ganze Universum abgrast, um die
Notwendigkeit dieses Satzes zu verstehen – ebenso wie es nicht notwendig ist, alle Dreiecke des
Universums zu messen, um zu wissen, ob die Winkelsumme immer 180° beträgt. Das ist möglich, weil
auf einer hinreichend einfachen Ebene, Denken und Sein auf dasselbe hinauslaufen, da das Denken
existiert und die erkannte Existenz Denken ist  (dieser Zusammenhang selbst ist allerdings nicht leicht
zu verstehen).  Also reduziert sich das Feld der Möglichkeiten auf seinen einfachsten Ausdruck: die
Notwendigkeit.

Weil die Verifikation einer grundlegenden philosophischen Aussage unmittelbar ist, hat sie es auch
nicht nötig, dass sie durch ein gegebenes Experiment falsifiziert werden kann, um gültig zu sein.
Wenn die Verifikation einer Hypothese, die sich auf das Funktionieren eines empirischen Phänomens
bezieht, nur mittelbar sein kann, so muss sie auch falsifizierbar sein, da wir uns hier nicht im Bereich
befinden, in dem Denken und Sein dasselbe sind, wie Parmenides gesagt hat. Aber in den
Grundlagen der Philosophie, gilt die Evidenz (also das, was im Geistigen auf absolute Weise
entsteht) als Gewissheit, weil das Umgekehrte nicht möglich ist – im Gegensatz zu Aussagen wie "Die
Planeten beeinflussen unser Leben", wo das Gegenteil möglich ist. Man braucht also von den
philosophischen Gewissheiten nicht verlangen, die Bedingungen der Falsifizierbarkeit ihrer Aussagen
zu erfüllen, genauso wenig wie das Licht nicht sich selbst verdunkeln kann.

Metaphorisch gesprochen: Die Philosophie studiert das Licht, während die Wissenschaft im
popperschen Sinn, nur das studiert, was erhellt ist – also auch das Licht als physisches Phänomen.
Seien wir also nicht erstaunt darüber, dass die Methoden unterschieden werden müssen und
versuchen wir nicht, die Methoden der einen, der anderen überzustülpen.


Henrique Diaz
französischer Originalbeitrag auf 'Spinoza et nous'
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