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Ist der Spinozismus ein Atheismus?
Henrique Diaz (
Spinoza et nous)

Trotz des anonymen Erscheinens des Theologisch-Politischen Traktats 1670 wurde der Autor bald als 'Atheist' eingestuft und angeklagt. Velthuysen meinte offen, dass Spinoza –
unter dem Vorwand, die damalige religiöse Zwietracht zu beenden und gegen die "Sünde" des Aberglaubens zu kämpfen – die Religion als Ganzes verworfen hätte. Seine
Philosophie sei in Wirklichkeit ein verhüllter Atheismus (siehe den Brief 42 von Velthuysen mit Osten, enthalten in Spinozas Briefwechsel)

Diese Idee fand wieder starken Anklang im 20 Jh. bei bestimmten Kommentatoren wie Robert Misrahi. Der Spinozismus sei ein Atheismus, doch aus Sicherheitsgründen hätte
Spinoza seine wahren Ideen verschlüsselt formuliert, indem er Begriffe, wie jenen Gottes, verwendete, um seine Zeitgenossen nicht zu sehr zu verstören. Das Argument, dem man
am häufigsten zugunsten der Atheismusthese begegnet, weist auf Spinozas "Caute" (Gib acht – Vorsicht!) hin – eine Divise, die sich auf dem Siegel seiner Briefe findet. Seine
marranische Herkunft wird herangezogen, um die Tendenz Spinozas, eine verschlüsselte Sprache zu verwenden, zu belegen. (Die Marranen waren verfolgte Juden in Portugal, die
unter Androhung der Todesstrafe gezwungen wurden, zum Christentum zu konvertieren, die aber im Geheimen einen jüdischen Glauben und Kult bewahrten.)

Dennoch handelt der erste Teil des Hauptwerks Spinozas, 'Die Ethik', von Gott, beweist seine Existenz, seine Allmacht, Allgegenwart, etc. und der letzte Teil endet mit der
Glückseligkeit des Menschen, die in der "intellektuellen Liebe Gottes" besteht. Außerdem sagt Spinoza selbst, dass man nur fälschlicherweise sein System für einen Atheismus
halten kann. Im Brief 30 an Oldenburg schreibt er:
"[D]ie Meinung, die das Volk von mir hat, das mich unaufhörlich des Atheismus beschuldigt: ich sehe mich gezwungen, diese Meinung womöglich von mir abzuwehren." Und in Brief
43: "Denn Atheisten streben ja gewöhnlich übermäßig nach Ehren und Reichtümern; ich aber habe diese, wie alle wissen, die mich kennen, immer verachtet."

Die Frage ließe sich so formulieren: Wer von den beiden, Bayle oder Novalis hat recht? Der, der behauptet, dass Spinoza ein 'systematischer Atheist' sei, oder jener, der behauptet,
dass er 'gottrunken' sei?

Der Gehalt der Frage ist vielschichtig. Ganz zuvorderst: Was ist der Status der philosophischen Sprache eines Autors wie Spinoza, wenn man annimmt, dass er nicht schreibt, was
er denkt? Dann: Wenn der Spinozismus ein Atheismus ist, ist das dann nicht der Grund für die existentielle Autonomie, die dem Menschen in der Wahl der Lebensregeln
zugeschrieben wird? Und schließlich: Wenn es Gott nicht gibt, worin besteht die Berechtigung der Frage von Gut und Böse?


1. Die gemeinsamen Elemente mit dem (klassischen und modernen) Atheismus

Was den TTP betrifft, gibt Velthuysen eine getreue und ausführliche Zusammenfassung dessen, was im 16.Jh. zum Schluss Anlass bot, dass Spinozas Lehre: "heimlich den
Atheismus einführt und einen Gott sich bildet, dessen Göttlichkeit die Menschen keine Ehrfurcht entgegenzubringen brauchen (...)" (Brief 42).

1. Durch die Behauptung der universellen Notwendigkeit, stellt der Autor des TTP die moralische Möglichkeit zu Gehorsam und Ungehorsam den offenbarten Geboten Gottes
gegenüber in Frage. Deshalb erwähne er auch nicht die Nützlichkeit von Gebeten, was logisch mit der Idee zusammenpasst, dass alles was passiert, mit unausweichlicher
Notwendigkeit geschieht.
2. Nach Spinoza ermunterten die Propheten das Volk zu größerer Tugend nur mittels illusorischer Prinzipien, da die Menge für die Vernunft weniger empfänglich sei, als für die
Imagination. Die Schrift lehre somit nicht die Wahrheit, sondern die Tugend.
3. Mit dieser Argumentation zerstöre der TTP die Autorität der Heiligen Schrift. Zum Beispiel hätten die Wunder, die als übernatürliche Interventionen Gottes erachtet werden, vor
dem Hintergrund universeller Notwendigkeit, keine Wirklichkeit. Gott selbst hat keine andere Mächtigkeit als die gewöhnliche Mächtigkeit der Natur. Ein Wunder ist für ihn nur ein recht
gewöhnliches Phänomen, dessen Ursache die Masse nicht kennt.
4. Folgt man der Logik des TTP, so muss der Koran auf die selbe Stufe gestellt werden wie die Bibel und Mohammed wäre kein geringerer Prophet, als jene der Bibel, da nach
Spinoza sich das Wesentliche der Prophetie darin zusammenfasst, dass das Volk seine moralischen Tugenden kultiviert.

Man sieht, dass für Velthuysen der Atheismus mehr auf eine Verneinung des rechtgläubigen Christentums hinauszulaufen scheint, als auf eine reine und einfache Verneinung
Gottes. Velthuysen erwähnt zunächst, dass Spinoza im Grunde ein Deist sein könnte, d.h. jemand, der an einen Gott glaubt, dabei aber auf jegliche Offenbarung verzichtet (der
Theismus gesteht die Existenz eines einzigen personenhaften Gottes zu, der sich den von ihm geschaffenen Menschen offenbart). Doch sogleich verwirft er diese Hypothese,
denn ein Deist kann beten, an eine übernatürliche Intervention Gottes glauben, etc. In anderen Worten muss der Spinozismus ein Atheismus sein, weil er jede Form des Gotteskultes
aufhebt – denn in letzter Analyse identifiziert er Gott mit der Natur, leugnet jeden Begriff göttlicher Vorsehung und behauptet die universelle Notwendigkeit.

Der Vorwurf des Atheismus beruht somit auf einer jüdisch-christlichen Gotteskonzeption. Velthuysen, und mit ihm seine ganze klassische Epoche, kann sich nicht vorstellen, dass
man die Existenz einer Gottheit behauptet, die man mit der Natur identifiziert, wie dies etwa z.B. der Fall bei den alten Ägyptern war. Es ist ein bemerkenswerter Umstand, dass der
häufigste Vorwurf an Spinoza ist, nicht die mosaische Unterscheidung des wahren und falschen Kultes zu übernehmen.  In der Antike – außerhalb des jüdischen Kontexts –  
wurde der Eigenwert der Götter anderer Völker problemlos anerkannt und die Kulte waren austauschbar. Wenn es für Spinoza zwar nur eine Wahrheit gibt, so gibt es für ihn
dennoch nicht nur eine wahre Religion, da ihr Hauptgegenstand nicht die rationale Wahrheit ist, sondern die Tugend.

Kann der Begriff des Atheismus, wie wir ihn heute verstehen, auch auf den Spinozismus angewendet werden? Der moderne Atheismus ist eine viel radikalere Verneinung einer
jeglichen Gottesidee – Gott, verstanden als höchstes Wesen, Schöpfer und Richter aller Dinge, Heilsprinzip für die Menschheit. Im Lichte seines Hauptwerkes der 'Ethik' leugnet
Spinoza, dass Gott im eigentlichen Sinn als Schöpfer des Universums bezeichnet werden kann, da dies voraussetze, dass er transzendent sei, wohingegen Gott, indem er absolut
unendlich ist, nicht der Natur äußerlich sein kann. In diesem Falle wäre er nämlich durch sie begrenzt, wodurch er gleichzeitig seine absolute Unendlichkeit verliere. Gott kann
außerdem auch nicht irgendeiner Vorsehung gemäß handeln, da ein absolut unendliches Wesen, nicht einerseits sich selbst – und somit auch nicht die Ordnung der Natur leugnen
kann, indem er andererseits sich Zwecke setzt, die dieser Natur Grenzen setzen würde (siehe Anhang zu E1).

Alles was aufgrund dessen existiert, was Spinoza Gott nennt, existiert notwendig. Er kann also nicht der Richter sein, den sich die Menschen vorstellen, indem sie auf ihn ihre
eigene Menschlichkeit projizieren, - ein Gott, der die Gesetze vorschreibt, die man überschreiten kann, der Anlass zu Hoffnung und auf Belohnung gibt, wie auch zu Furcht vor
Strafe, damit man ihm gehorcht. Gott selbst kann somit nicht die Grundlage der Moral und Regeln sein, die man überschreiten kann.

In diesen Auffassungen die Natur Gottes betreffend, lässt sich die Position Spinozas mit einem gewissen Atheismus identifizieren. Der gewöhnliche Gottesglaube besteht ja darin,
dass Gott aufgrund seiner Transzendenz bloßer Geist sei, der völlig getrennt von jeder körperlichen Wirklichkeit ist, deren Schöpfer er ist. Spinoza hingegen behauptet, dass Gott
Ausdehnung ist (E2P2).

All das führt uns gemeinsam nach Velthuysen zu dem Schluss, dass sich Spinoza, ob im klassischen oder modernen Sinn, zu einem Atheismus bekennt, der sich hinter Worten
versteckt, die er der Religion entlehnt.


2. Ein Krypto-Atheismus?

Um auf die Beschuldigungen Velthuysens, die ihm von Osten vermittelt werden zu antworten, führt Spinoza im Brief 43 keine Argumente ins Treffen. Angesichts des
Atheismusvorwurfs rückt er seine Person ins Licht. Alle die ihn kennen, wüssten, dass er Reichtümer und Ehren verachte. Der klassische Atheismus, dessen Repräsentanten die
Libertins darstellen, läuft tatsächlich darauf hinaus, zu glauben, dass einzig die Materie und die endlichen Dinge existieren. Folglich kann es für einen Atheisten kein anderes
höchstes Gut geben als Reichtümer, Ehren oder sinnliche Freuden, die sich auf endliche Wesen beziehen. Die 'Abhandlung über die Verbesserung des Verstandes' (TIE) zeigt die
Grenzen dieser Güter auf und stellt die Suche nach einem Gut dar, das nicht begrenzt ist. Auf die Anschuldigung eines versteckten Atheismus antwortet er: "[W]er kann so
verschlagen und durchtrieben von Sinn sein, daß er mit verstelltem Geiste so viele und so wirksame Gründe für eine Sache beibringen könnte, die er für falsch hält?" (Brief 43).

Bezüglich der Anschuldigung, die Religion zu zerstören, fragt er, wie das möglich sei, wenn man die Position vertritt, das Gott das höchste Gut sei, dass der Preis der Tugend die
Tugend selbst ist, dass jeder seinen Nächsten lieben soll? Spinozas Gegenangriff ist streng: Wenn Velthuysen die spinozistische Auffassung von Gott verwirft, so deshalb, weil er
sich nicht mit der Vernunft begnügt, um sein Leben zu leiten, sondern es vorzieht, von seinen Leidenschaften beherrscht zu werden: "Er enthält sich also der schlechten
Handlungen und führt die göttlichen Gebote aus, nur widerwillig und schwankend wie ein Sklave (...)" (ebd.).

Die Grundlage von Velthuysens Kritik besteht darin, dass Spinoza Gott dem Schicksal unterwerfe. Dieser antwortet, dass dies nicht der Fall sei. Gott ist nur sich selbst
unterworfen, was zugleich seine Freiheit ausmache. Dies impliziert allerdings, dass es keine wirkliche Kontingenz im Universum gibt. Indem er die Position vertritt, dass Gott sich
selbst erkennt, behauptet er zugleich, dass er einer freien Notwendigkeit gemäß handelt. (Man könnte hinzufügen, dass die Bibel selbst sagt, dass "Gott nicht lügen kann.") Auch
würden die moralischen Gesetze nicht durch die universelle Notwendigkeit aufgehoben, denn sie sind gerade Bestandteil dieser Notwendigkeit und das ist auch der Grund,
weswegen sie anzustreben und heilbringend sind.

Hinsichtlich Mohamed meint er, dass wenn dieser die Freiheit des Menschen aufhebt, anders ausgedrückt, die Möglichkeit, sich nur der eigenen Notwendigkeit zu unterwerfen, wie
Spinoza annimmt, so müsste man sich fragen, ob dieser ein wahrer Prophet gewesen sei. Es sei nicht an ihm, zu zeigen, wer ein falscher Prophet sei. "Die Propheten sind doch
wahrhaftig gehalten zu zeigen, daß sie wahre Propheten sind." (ebd.) Wenn Mohamed ein wirklich göttliches Gesetz gelehrt habe, so gäbe es keinen Grund zu leugnen, dass er ein
wahrer Prophet sei. Spinoza entgegnet Velthuysen und der Anschuldigung des versteckten Atheismus, dass dieser "vor allem sich selber Unrecht getan hat, da er sich nicht
geschämt, mich zu bezichtigen, ich lehre mit verdeckten und geschminkten Argumenten den Atheismus." (ebd.)


Musste Spinoza in jener Epoche, in der die Meinungsfreiheit noch kaum verwirklicht war und wo es passierte, dass man im Namen der Rechtgläubigkeit
tötete, nicht um sein Leben fürchten?

Wenn man in Brief 30 an Oldenburg liest:
"[D]ie Meinung, die das Volk von mir hat, das mich unaufhörlich des Atheismus beschuldigt: ich sehe mich gezwungen, diese Meinung womöglich von mir abzuwehren.", so könnte
man in diesem "Zwang" tatsächlich die Befürchtung lesen, demaskiert zu werden und den Versuch seine Ideen zu verkleiden, damit sein Atheismus nicht zu offensichtlich wird.
Doch muss man sich hier auf den Kontext der Schriften Spinozas beziehen. Er schreibt oft, dass er nicht die Mühe auf sich nimmt, andere zu widerlegen – selbst jene nicht, die
versuchen, ihn zu widerlegen. Doch im Fall des Atheismusvorwurfs ist das System Spinozas in seinen Prinzipien angegriffen, was ihn dazu führt, diese Interpretation in dem Maße
zu berichtigen, als diese Verwirrung die Form einer Verallgemeinerung annimmt. Die Kommunizierbarkeit und somit die genaue Auffassung seiner Philosophie ist etwas
Wesentliches:  "so beschloß ich endlich zu erforschen, ob es irgendetwas gäbe, das ein wahres Gut sei, das kommunizierbar [communicabile] sei" (TIE §1).

In diesem Sinn wäre die Idee, wonach es Spinoza genehm gewesen sei, den Ausdruck seiner Ideen zu verschlüsseln, widersprüchlich mit Hinblick auf dieses Ziel, das er sich
gesetzt hat.

Vergessen wir nicht, dass wir es im Holland des 17. Jhs. mit einer Republik ohne Staatsreligion zu tun haben, wo die Libertins ohne Angst um ihre Leben, das von Institutionen
bedroht worden wäre, leben konnten. Wenn Spinoza während seiner Lebzeiten Probleme hatte, so mit den Mitgliedern der Zivilgesellschaft, besonders mit der jüdischen
Gemeinschaft. Außerdem wurde aus Vorsicht die 'Ethik' während Spinozas Lebenszeit nicht veröffentlicht. Er hatte folglich keine Repressalien zu fürchten.

Außerdem, wenn Spinoza einzig den Term "Natur" von Beginn an verwendet hätte, hätte er viel weniger riskiert, als sofort den Term Gottes zu verwenden. Die Physiker
interessierten sich nur wenig für die religiösen Fanatiker. Gerade aus diesem Grund sagt Spinoza klar in der 'Ethik', dass Gott kein Schöpfer mit freiem Willen sei, der im Sinn hätte,
Zwecke zu setzen, die dem Menschen nützlich seien – womit er das Risiko eingeht, ernstlich die Fanatiker zu provozieren.

In anderen Worten,  Spinoza musste keine verschlüsselte Sprache erfinden, um bloß von der Natur zu sprechen. Ich füge hinzu, dass wenn Spinoza die 'Ethik' nicht veröffentlicht
hat, so deshalb, weil sehr wohl wusste, dass trotz dem, was sein System einräumt, er die Fanatiker erzürnt hätte. Man könnte aus der 'Ethik' eine Art Roman von Renart machen,
der den Zensoren mit seiner verschlüsselten Sprache eine Nase drehte. Doch die 'Ethik', in dieser Fassung, hätte die Fanatiker nicht weniger schockiert, wenn sie veröffentlicht
worden wäre, als wenn sie klar das ausgesprochen hätte, was die Fürsprecher eines radikalen spinozistischen Atheismus sie sagen lassen wollen. Es hat also keinen Sinn, aus
der 'Ethik' eine Art "philosophischer Untergrundbewegung" zu machen, weil sie buchstäblich, in ihrem offensichtlichen Sinn schockierte.

Schließlich, wenn Spinoza einen "Krypto-Atheismus" formuliert hätte, so hätte er sich selbst widersprochen, was nicht seiner Gewohnheit entsprach, da er sagt: "Ein freier Mensch
handelt niemals arglistig, sondern stets loyal [cum fide]." (E4P72). Und in der folgenden Anmerkung: "Fragte jetzt jemand: Was ist, wenn sich ein Mensch aus momentaner
Todesgefahr mit Unredlichkeit befreien könnte – riete dann nicht das Prinzip der Selbsterhaltung durchaus, unredlich zu sein? Die Antwort darauf wird dieselbe sein. Wenn die
Vernunft dies riete, riete sie es allen Menschen; mithin riete sie ohne Einschränkung, Menschen sollten Übereinkünfte mit dem Ziel, ihre Kräfte zu verbinden und gemeinsame
Rechtsgesetze zu besitzen, nur arglistig treffen, d.h. so, daß sie in Wirklichkeit gar keine gemeinsamen Rechtsgesetze haben, was widersinnig ist." Man kann es nicht klarer sagen.
Spinoza kann als "freier Mensch" erachtet werden, weil er mehr als alles andere bestrebt war, den Geboten der Vernunft nach zu handeln.

Eine Philosophie ihrem Buchstaben nach zu verstehen und nicht zu versuchen eine angenommene esoterische Bedeutung zu suchen, ist eine methodische Frage, die P.F. Moreau
gut dargestellt hat: Wenn ein Autor aufgrund gesellschaftlichen Drucks dem herrschenden Denken Konzessionen machen muss, so wird er seine Konzessionen nur formhalber
machen. In andern Worten, seine Konzessionen werden für das System seines Denkens keine wirklichen Konsequenzen haben. Man kann nur festhalten, dass der spinozistische
Begriff Gottes, der Begriff seiner Philosophie ist, aus der er den Großteil seiner Konsequenzen zieht.


3. Gott oder die Natur

Doch wenn Spinoza Gott mit der Natur identifiziert, reduziert er dann nicht Gott auf ein Nichts und macht er aus der Natur dann nicht die wirkliche Totalität?

Wenn der Atheismus darin besteht, keine Transzendenz zuzulassen, so ist Spinoza Atheist, da es in seiner Philosophie keine Trennung zwischen Gott und der Natur gibt. Doch der
Atheismus besteht auch in der Annahme, dass es nur Endliches gibt, dass das Sein nur eine Ansammlung von endlichen Wesen ist. Für den Atheisten ist somit die Natur nur die
unbezifferbare – aber eben nicht unendliche –  Gesamtsumme, der endlichen Wesen.

Spinoza zeigt im Gegenteil, dass die Natur zunächst eine unendliche, ewige und denkende Substanz ist: Das ist die hervorbringende Natur (natura naturans, E1P29). Wenn es auch
keine chronologische Vorrangigkeit der hervorbringenden Natur im Verhältnis zu hervorgebrachten Natur (natura naturata (Gott ist die immanente und nicht transitive Ursache,
E1P18) gibt, so doch eine logische (E1P1). Diese Vorrangigkeit verleiht der hervorgebrachten Natur ihre Einheit. Dies bewirkt, dass sie nicht eine Summe getrennter Individuen ist.

Somit ist die hervorbringende Natur, oder die Attribute-Substanz, oder Gott eine auf absolute Weise unendliche Wirklichkeit, die die immanente Ursache der den Einzelwesen eigenen
Existenzweise ist. Dies bringt außerdem unmittelbar (unmittelbar unendlicher Modus) einen unendlichen Verstand hervor, der dem Verstand der Einzelwesen vorrangig ist – anders
gesagt: auf ewige Weise (E1P21 und E2P3 und P4).  Wer aber "Verstand" sagt, sagt Idee seiner selbst und Idee dieser Idee: Bewusstsein. Die Natur ist ihrer selbst bewusst – auf
der Ebene des unendlichen Verstandes und in bestimmtem Maße auf der des endlichen Verstandes.

Somit, wenn man den Term "Natur" im gängigen Sinn der Totalität der endlichen Wesen nimmt, drückt er das Denken Spinozas nicht besser aus, als jener "Gottes" im gängigen Sinn.
Deshalb benützt Spinoza jene beiden Terme zugleich, um zu verhindern, dass der Leser in die Falle einer verkürzten Interpretation geht. Sicherlich ist "Gott" keine Person oder ein
Schöpfer, der auf seine Geschöpfe auf anthropomorphe Weise einwirkt oder sie richtet (indem er denken würde, bevor er handelt, z.B.: das göttliche Denken ist immer koextensiv
mit seinem Handeln), aber er ist auch keine Ansammlung von endlichen Wesen. In diesem Sinn ist der Spinozismus nicht in höherem Maße ein Atheismus, als ein Theismus im jüdisch-
christlichem Sinn. Er wäre eher ein Deismus: Es gibt einen Gott als Prinzip der ganzen Wirklichkeit und der ganzen und vollständigen Erkenntnis, der zwar nicht "persönlich" in das
Leben der Menschen eingreift, aber dennoch das Prinzip ihres Heils ist (Zugang zu eine Freiheit und zu ewigem Glück) – E5


Schluss

Spinoza kritisiert den Anthropomorphismus der gewöhnlichen Vorstellungen von Gott im Namen einer rational konstruierten Idee von Gott, als logische Erklärung der Idee eines ens
realissimum. Ohne diese rationale Idee, ist keine Kritik des Anthropomorphismus möglich. Wir haben ja weiter oben gesehen, dass es sich um die Idee eines auf absolute Weise
unendlichen Seins handelt etc. Die Kritik des Anthropomorphismus ist also nicht das Feigenblatt des Atheismus.

Nichts von dem, was Spinoza von Gott aussagt ist "undenkbar", denn ein rationaler Begriff verlangt nicht, einen Gegenstand gemäß einer sinnlichen Erfahrung aufzufassen, wenn
dieser Gegenstand kein endlicher Gegenstand ist. Umgekehrt kann man sagen, dass Gott "unergründbar" ist, da dies auf ein Verständnis eines endlichen Gegenstandes verweist
(man "ergründet" einen Fluss, um einen verlorenen Gegenstand wieder herauszuholen). Doch Gott, als hervorbringende Natur, braucht nicht "ergründet" zu werden, da er schon
unmittelbar in jeder besonderen Wirklichkeit gegenwärtig ist, insofern er sein Sein im Sein affirmiert (E3P6Dem). Gott ist nicht "verloren", man glaubt nicht, indem man ihn mit den
Augen, mit dem Körper oder mit der Imagination sucht – vielmehr sieht man mit den Augen des Verstandes, welche die Beweise sind.

Andererseits, wenn nichts von dem, was den Menschen als endliches Wesen charakterisiert, Gott als Substanz zugeschrieben werden kann, so darf man dennoch nicht
vernachlässigen, dass alle Eigenschaften Gottes sich im Menschen wiederfinden, als endlicher Ausdruck der Substanz. Somit "hat" der Mensch am göttlichen Denken durch seine
inadäquaten und adäquaten Ideen, am unendlichen Verstand durch seinen endlichen, an der intellektuellen Liebe Gottes durch seine intellektuelle Liebe ..., "teil". Bei Spinoza
bedeuten die Formulierungen wie, Gott denkt, versteht, liebt, ... nicht, dass man Gott "anthropomorphisiert", sondern dass man den Menschen vergöttlicht. Die
"Entanthropomorphisierung" Gottes ist eine Reinigung seines Begriffs, in Übereinstimmung mit der "Methode"des TIE, und nicht die Annullierung einer jeden Idee, die sich auf ihn
bezieht.

Man hat Alexandre Matheron, einem modernen, eher an Marx orientierten Kommentator einmal die Frage gestellt: "Denken Sie eigentlich, dass Spinoza an Gott geglaubt hat?" Die
Antwort Matherons: "Sicher ist, dass Spinoza an den Gott Spinozas geglaubt hat."

Henrique Diaz
französische Originalversion
(Übersetzung Hans Müller)


"La querelle de l'athéisme spinoziste" in L'immanence et le Salut de Bernard Rousset, page 227

Voir aussi "L'idée de religion chez Spinoza" in Essais Spinozistes de Sylvain Zac, p. 73.

"Quelques remarques à propos du marranisme : un concept à tout faire" in Revue de Psychologie des Peuples, Le Havre, 1978, pp. 83-100, article de Henri Méchoulan.
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