Einem jedem steht es frei, die Gründe zu definieren, weswegen er Spinoza liest. Man kann verschiedene Texte Spinozas einfach aus Lust und Laune lesen, ohne genau zu wissen, warum. Er spricht von Freiheit, von Wahrheit, von ewiger Freude und versucht das alles zusammen zu bringen. Im Grunde ist das nicht üblich für einen Philosophen. Für einige, wie z.B. Kant oder Sartre bedeutet Freiheit, auf das Glück zu verzichten. Die Wahrheit anzustreben, heißt für ihn, die Einsicht den Illusionen des Glücks und der Liebe vorzuziehen. Für andere, wie Nietzsche, ist die Selbstbehauptung viel wichtiger als die Wahrheit. Spinoza hingegen sagt uns, dass man zugleich Einsicht besitzen und glücklich sein kann, zugleich tugendhaft und freudvoll , frei und wahr sein kann. Das scheint wohl auszureichen, um neugierig und Spinoza zu lesen.
Man kann Spinoza aber auch zunächst deshalb mögen, weil er sich gut darauf versteht, uns zu desillusionieren. Wir haben es hier mit einem großmütigen Menschen zu tun, der mit einem besonders scharfen Verstand ausgestattet war. Er hätte diesen Verstand dazu benutzen können, um reich zu werden, um sich bei seinen Zeitgenossen einzuschmeicheln und/oder um Frauen zu verführen. Oder er hätte diesen Verstand wie viele andere dazu benutzen können, um Geschichten zum besten zu geben, um von sich selbst eine hohe Meinung zu haben und auf unterschwellige Weise seine Vergnügungssucht zu befriedigen, oder um seinem Leben einen Sinn zu geben, Anerkennung zu erwerben, unsterblich zu werden ... Hingegen zeigt er, dass Leidenschaft wesentlich Knechtschaft ist, dass das Leben keinen Sinn hat, dass es keine ewige Leidenschaft gibt, dass es weder für den Körper, noch für die Seele irgendeine Unsterblichkeit gibt...
Welches Interesse kann man haben, sich von Spinoza desillusionieren zu lassen? (oder von wem auch immer...) Jeder kann verstehen, dass es sich hierbei um Freiheit handelt. Zweifellos bevorzugen es viele, sich von den Illusionen, die sie sich machen, an der Nase herumführen zu lassen. Aber es ist auch möglich, eine klarsichtige Desillusionierung einer glücklichen Illusion vorzuziehen. Lieber ein Leben, einfach wie es ist, wahrlich leben, als in einem Paradies von Schatten - was darauf hinausläuft, gar nicht zu leben.
Handelt es sich hierbei um die Befriedigung, sich besser als die anderen zu fühlen? Besser als jene Mittelmäßigen, die mit der schnöden Masse der anderen Mittelmäßigen übereinstimmen und die die Illusion der Freiheit vorziehen? Für manche Leser Spinozas vielleicht schon. Doch lesen sie Spinoza schlecht, zeigt er doch, dass es keine moralische oder ontologische Überlegenheit des Sehenden über den Blinden, des gesunden über das kranke Kind und auch nicht des Weisen über den Unwissenden gibt. Nein, es handelt sich einfach darum, sich zu desillusionieren, um sein Leben zu leben, wie es ist, anstatt es sich zu imaginieren. Das reicht demjenigen, der die Freiheit anstrebt, der einfach leben will.
Außerdem schafft die Illusion mehr Leid als die Einsicht. Wie groß ist doch der Aufwand, um sich zu überzeugen, dass unsere Illusionen doch keine sind. Wie viele Täuschungen, Niedergeschlagenheit, Beschuldigungen, Eifersüchteleien, Hass - aufgrund von Illusionen. Umgekehrt, wenn man seine Luftschlösser einfach hinter sich lässt, wenn man sich der unendlichen Aufgabe entledigt, sich zu überzeugen, dass die eigenen Illusionen keine sind - wie wird das Leben doch leicht und einfach! Man kann Spinoza also lesen, um sich der Knechtschaft der Illusionen zu entledigen, um sein Leben zu leben, wie es ist, ... und um es leicht zu leben.
Spinoza lesen, eine Therapie? Ein Mittel, um mentale Leiden zu heilen, die aus Illusionen entstehen? Ja, wenn man so will. Doch handelt es sich hier um gewöhnliche Leiden, die man sich selbst auferlegt oder die man anderen auferlegt, um unsere kostbaren Illusionen zu verteidigen. Für schwer pathologische Fälle ist es zweifellos notwendig, sich von einem Dritten helfen zu lassen, der möglichst kompetent, wohlwollend und neutral ist. Die "spinozistische" Therapie ist für Leiden gedacht, die man kaum sieht, da die Illusion vorherrschend ist. Doch ist sie ein gutes Mittel, um Neurosen (und selbst Psychosen) zuvorzukommen.
Darüber hinaus lässt sich die "Ethik" Spinozas nicht auf eine Therapie reduzieren. Eine Therapie zielt nur darauf, die Ursachen eines Leidens zu besiegen, zu zerstören, was mich zerstört. Bei Spinoza geht es nicht darum, sich damit zu begnügen, nicht zu leiden und das Glück einfach als die Abwesenheit von Leid zu definieren. "Leicht" zu leben, bedeutet hier nicht banal, wie eine an den Augenblick gekettete Kuh. Leben, ohne den Zwang, den die Illusion hervorbringt, bedeutet, die Kraft zu existieren freizusetzen, sich zu bejahen und diese Kraft zu kultivieren.
Die Lebensfreude ist eine Dynamik: "Vergrößerung meines Vermögens zu existieren" sagt Spinoza. Die Ethik Spinozas bietet nichts Geringeres als sich zu ermöglichen, in einer ewigen und kontinuierlichen Freude zu leben. Wie? Durch Kenntnis des Selbst und seines wesentlichen Verhältnisses mit der Natur. Indem er dies erforscht, schlägt Spinoza zwei Fliegen mit einer Klappe: Er zerstört die Vorurteile und konstruiert die Mittel einer heiteren und aktiven Existenz. Die Illusionen aufzugeben, bedeutet nicht, die Lebensfreude aufzugeben. Vorausgesetzt man verschafft sich die Mittel für eine sichere Freude, die nicht auf den vergeblichen Begehrlichkeiten gegründet ist, die aus der Imagination stammen, sondern auf dem essentiellen Begehren zu existieren. welches sich zugleich rational und intuitiv verstehen lässt.
Ebenso handelt es sich bei Spinoza nicht darum, sein Glück nur in einer theoretischen Kenntnis der Natur des Menschen zu finden. Sich von den Vorurteilen zu befreien hat eine praktische Konsequenz: sich aus der Knechtschaft und von den unnützen Leiden zu befreien, die diese hervorbringt. Ebenfalls hat es eine praktische und nicht weniger offensichtliche Konsequenz, auf reflektierte Weise zu urteilen: Vor allem zunächst jene, Perspektiven zu eröffnen, was erlaubt, Dinge zu erleben, die unter anderen Umständen unmöglich oder gewesen oder gar unbekannt geblieben wären. Des weiteren erlaubt dies, das eigene Vermögen zu leben zu vergrößern, indem man das Vermögen zu Denken vergrößert.
Es ist dumm, Verstand und Leben einander gegenüber zu stellen. Leben, indem man die Dinge nur wahrnimmt, ohne sie zu verstehen, bedeutet, nur halb zu leben. Jener, der lebt, ohne seinen Verstand zu kultivieren, erlebt nur das, was er von der Existenz zu verstehen glaubt. Wenn auch sein Verstand weitgehend von den Sinnen beherrscht wird, so ist es doch immer die Idee, die er sich vom Leben macht, die es ihm erlaubt, dies zu erleben und jenes nicht. Wiederum: Sein Vermögen zu verstehen zu vergrößern, bedeutet das Vermögen zu leben zu vergrößern.
Warum also Spinoza lesen? Um jene Ideen zu erforschen, mittels derer wir gewöhnlich leben, um zu sehen, ob es sich dabei nicht um Vorurteile handelt, die uns unterwerfen und unnütze vergebliche Leiden hervorbringen. Um unseren Lebensverstand zu kultivieren und gewissermaßen voller zu leben, ohne das dies den Verlust an Einsicht bedeutet - also um freier zu leben.