Spinoza verstehen
Reflexion

[Seite 1] Indem wir hier eine Einführung in die 'Ethik' Spinozas präsentieren, bieten wir einen
Leseführer an – für all jene, die sich für den Text der 'Ethik' und nicht nur für die Inhalte des Denkens
interessieren, [2] die ihr mit mehr oder weniger großen Schwankungen in der Interpretation,
entnommen werden können. Dieser Leseführer soll dazu dienen, dass die Darstellung von Spinozas
Gedankengang zugänglicher wird. Dieser Gedankengang lässt sich nicht vom beweisführenden
Apparat, in dem er entwickelt und ausgedrückt wird, trennen. Es geht also vor allem darum, einen
Zugang zu den wörtlichen Formulierungen des Textes zu gewähren, Wort für Wort, der den Text
gewissermaßen beim Wort nimmt und zugänglich macht, was diese Worte sagen. Es geht also nicht
darum, einen Ersatz zu präsentieren, der anstelle des Textes seine Ideen entwickelt, als ob diese
Ideen für sich selbst außerhalb des textuellen Zusammenhangs, in den sie eingeschrieben sind,
existieren würden. Hier wird also einer elementaren methodischen Anforderung entsprochen, die
besagt, dass es nötig ist, eine genaue Kenntnis des gesamten Textes zu haben, bevor man den
Versuch unternimmt, eine Interpretation zu wagen. Dies bestimmt auch die Gebrauchsweise dieses
Leseführers: Er kann die Textlektüre nur begleiten und immer wieder auf die lateinische
Originalversion hinweisen, die im Laufe der an den Formulierungen orientierten Untersuchung neu
übersetzt wird (a). Auf keinen Fall will dieser Leseführer die Lektüre ersetzen, die er im Gegenteil
effektiv anleiten und mitvollziehen möchte [3] – mit aller nötigen Geduld, damit man zu einem
hinreichenden Grad an Genauigkeit gelangt (b).
Es versteht sich nicht von selbst, die 'Ethik' Teil für Teil in Angriff zu nehmen, indem man jedem Teil
eine eigene Studie widmet, zumal die Reihenfolge der Veröffentlichung mehr oder weniger zufällig
war. Man kann nicht oft genug wiederholen, dass die 'Ethik' aus "Teilen" (partes) besteht und nicht
aus "Büchern" (libri): Indem Spinoza diese Bezeichnung wählte, wollte er sicherlich die
Aufmerksamkeit auf den umfassenden Charakter eines philosophischen Unternehmens richten, das,
wenn es auch durch aufeinanderfolgende Etappen fortschreitet, sich dennoch niemals von seinem
Hauptanliegen abbringen lässt, welches bereits durch den Titel des Werkes bezeichnet wird: nämlich
die rational notwendigen Elemente zur Erarbeitung einer Regel für das praktische Leben darzustellen.
Von diesem Standpunkt aus ist sicherlich jeder der Teile der 'Ethik' von der spekulativen Totalität, an
der er teilhat, in der er seinen zugewiesenen Platz hat und außerhalb welcher er eines Großteils
seiner Bedeutung beraubt ist, untrennbar. Es darf die organische Verbindung nicht aus den Augen
verloren werden, die die verschiedenen Etappen vereint, nämlich die einer Reflexion, die, vom Anfang
bis zum Ende, mit der Perspektive angestrengt wird, auf ein wesentlich ethisches Hauptanliegen zu
antworten. Spinoza hatte [4] die beharrliche Sorge, seinen Ansatz in rational verständliche
Sequenzen zu teilen, die geeignet sind, je individuell hervorgehoben und verstanden zu werden,
wenn sie nicht sogar ein je autonomes Verständnis erlauben. Darin besteht dann auch die
Rechtfertigung dieser Einführung, Spinozas Darstellung in Lehrsatz-Form, in ihrer Progression zu
zergliedern, um derart besser ihrer synthetischen und kausalen Notwendigkeit folgen zu können. Die
aufeinanderfolgenden "Teile" des Werks enthüllen also relativ autonome Untersuchungsbereiche,
welche innerhalb der Totalität des Werkes, so etwas wie "ganze Teile" bilden, und die, jeder aus
seinem besonderen Blickwinkel, die Ökonomie des Ganzen reflektieren. Es ist also gerechtfertigt,
jeden dieser Teile der 'Ethik' als solchen zur Kenntnis zu nehmen und sie auf einen eigenen
Untersuchungsbereich zu beziehen, vorausgesetzt, dass die Gesamtsicht dieses Ansatzes nicht aus
den Augen verloren wird. Es geht diesem Ansatz also um eine Gesamtperspektive auf das Werk, das
deshalb auch die Darstellung seines beweisführenden Apparates unternimmt, der dieses Ganze auf
kontinuierliche Weise integriert(c). (...)
Die 'Ethik' gehorcht einerseits einem strengen Kompositionsprinzip. Sie stützt sich auf eine zu Anfang
unternommene Untersuchung der Natur der Dinge (E1), widmet sich danach der Ordnung der
mentalen Wirklichkeit (E2), um dann die Untersuchung des affektiven Lebens in Angriff zu nehmen
(E3), um sich dann für die Probleme zu interessieren, die durch die 'conditio humana' aufgeworfen
werden (E4). Davon ausgehend werden dann Wege der Befreiung herausgearbeitet – Momente, die
die 'Ethik' notwendigerweise durchlaufen muss, um ihr ethisches Ziel zu erreichen (E5). Andererseits
hat die notwendige Struktur, die dieses Kompositionsprinzip determiniert nichts Zwingendes (im Sinne
eines von außen ausgeübten Zwangs, dem man aushalten soll). Die Anstrengung zum Verstehen, zu
der der Leser aufgerufen ist, verlangt keine formale und passive Unterwerfung. Der Leser kann sich
vielmehr nur durch die Intervention eines aktiven Denkens entwickeln, d.h. eines mitvollziehenden
Denkens, das sich selbst die Mittel zum allgemeinen Verständnis des Textes verschafft, indem es sich
eine oder mehrere "Pfade" durch die Dichte des Werkes erschließt – wobei gleichzeitig gilt, dass
keine "Bahn" seinen philosophischen Inhalt in seiner Totalität erschöpfend herausarbeiten könnte.
Kurz, das von Spinoza geschriebene Buch – vorausgesetzt, dass die Verpflichtung zu einem
Begreifen des Inhalts als Ganzes respektiert wird, wobei dieser Inhalt in der Totalität in jedem seiner
Teile ausgedrückt wird – ist geeignet, in jeder Richtung gelesen zu werden: Es ist nicht nötig, ihm eine
Strenge zu verleihen, die es nicht hat, der es völlig entbehrt und die in Widerspruch wäre mit seiner
[6] rationalen Bedeutung. Der Benützer der 'Ethik', soweit es sich darum handelt ihren spekulativen
Inhalt handzuhaben, ist nicht dazu verdammt, eine folgsame, gehorchende Haltung einzunehmen, die
ihn jeder Initiative berauben würde: Die Handhabung dieses Inhalts – und das ist die wesentliche
Lehre, die sich ziehen lässt – kann in Wirklichkeit nur freie Geister, oder die, die auf dem Weg sind,
es zu werden, interessieren. (...) [Wir betonen daher] die innere Dynamik des Textes, die sich nicht
auf ein lineares Schema oder einen eindeutig fortschreitenden Gedankengang reduzieren lässt, der
geradeaus marschieren und sich von den anfänglichen Positionen immer mehr entfernen würde. Wir
haben es auch mit der Zirkularität eines Denkens zu tun, das – in der gleichen Zeit, in der es
fortschreitet – immer wieder zu sich selbst zurückkehrt und damit einer komplexen Bewegung folgt,
deren Bedeutungen sich einer einzigen Lektüre nicht erschließt. Die 'Ethik' ist das Buch schlechthin,
das man wieder liest und man kann den Anfang nur handhaben, wenn man bereits ein klares
Verständnis seiner letztendlichen Zielsetzungen hat, welche von Anfang an in seinen ersten Ansätzen
impliziert sind: deshalb wäre es vergeblich, zu versuchen, es zwischen einem Anfangs- und Endpunkt
einzuschließen und damit einen definitiven Pfad einzugrenzen, jenseits dessen es nichts gibt.
Diese Anmerkungen erlauben es, die großen Linien der Fragestellung herauszuarbeiten, die der
Leser von 'De Deo' nicht verlieren darf, wenn er nicht das Hauptanliegen übergehen will, das
Spinoza, während er diesen Teil seines Werkes verfasste, beschäftigte. Dieser Teil behandelt jenen
Gegenstand, der per Definition am umfassendsten und am dichtesten ist. Gerade wegen dieser
Verdichtung der Argumentation setzt er einer vollständigen Handhabung seines argumentativen
Inhalts erhebliche Schwierigkeiten entgegen.
Es ist besonders verlockend, diesen Teil der 'Ethik' für sich selbst zu lesen, als eine Art Abriss einer
Abhandlung der Metaphysik oder der Ersten Philosophie, welche hinsichtlich des Ganzen der Realität
eine Reflexion mit ontologischem Charakter entwickeln würde. Darüber hinaus könnte man diese
Reflexion unter die Autorität des Namens [7] "Gottes" stellen, was darauf hinausliefe, diese Ontologie
mit einer Theologie im gewöhnlichen Sinn zu verbinden, die vom Prinzip her autonome
Untersuchungsfelder bezeichnet und deren Autonomie klar identifizierbar wäre. Diese Art den Text in
Angriff zu nehmen, konfrontiert den Leser aber mit den größten interpretatorischen Schwierigkeiten.
Und zwar deswegen, weil sie den Umstand vernachlässigt, dass die von Spinoza entwickelte Reflexion
hinsichtlich der Natur der Dinge – die sich anscheinend ganz direkt entwickelt, letztlich aber doch nur
eine anfängliche Etappe in einem umfassenden Ansatz darstellt – darüber hinausführt und sich in ein
Ganzes einschreibt, das sein Autor 'Ethik' genannt hat. Und dies wiederum deswegen, um deutlich zu
machen, dass der Sinn seines philosophischen Unternehmens nicht nur darin besteht, die Wahrheit
über die Welt auszusprechen, sondern darin, die Mittel zu finden, das Leben zu verändern. Das
Leben verändern – unter einer Perspektive, die die Theorie in den Dienst der Praxis stellt, genauer:
einer ethischen Praxis. Die Frage, die die schwindelerregenden Reflexionen Spinozas in Bezug auf
"Gott" in den ersten 36 Lehrsätzen der 'Ethik' in letzter Instanz aufwerfen, ist also die folgende:
Wenn es so ist, dass diese Überlegungen die Probleme der menschlichen Existenz in einem derart
großen Rahmen erfassen, dass sie dabei jede eigentliche Bedeutung zu verlieren scheinen; und
wenn es so ist, dass die absolute Notwendigkeit, die der allgemeinen Ordnung der Dinge zuerkannt
wird, den Inhalt einer Ethik überflüssig zu machen scheint – inwiefern betreffen diese Überlegungen
trotzdem das Projekt einer ethischen Befreiung?
Anmerkungen
(a) Wenn man verstehen will, was Spinoza wirklich gesagt hat und vor allem davon Kenntnis haben möchte, so ist es
unerlässlich, sich dem Originaltext zuzuwenden und sich eine eigene Übersetzung anzufertigen.
(b) Die Suche nach einer an den Formulierungen orientierten Genauigkeit erklärt den Ansatz, dem in diesem
Kommentar gefolgt wird und der darin besteht – zum Zweck einer ersten Kenntnisnahme des Textes –, jeden
äußeren (historischen oder interpretatorischen) Bezug fernzuhalten. Es versteht sich von selbst, dass diese
Forderung nur in Bezug auf die Ausgangssituation gültig ist und nicht in Bezug auf weitere Ergebnisse. Um das
Denken Spinozas vollständiger zu erkennen, ist es unerlässlich, es in der Geschichte des philosophischen Denkens
zu verorten. Dazu ist es nötig, Arbeiten zu Rate zu ziehen, die sich damit beschäftigen – oder zumindest manche
davon. Die vollständigste Bibliographie spinozistischer Studien in französischer Sprache findet sich gegenwärtig im
Anhang des Werkes von P.-F. Moreau, 'Spinoza. L'expérience et l'éternité (Paris, 1994). Weisen wir noch auf die sehr
nützliche Auswahlbibliographie hin, die von F. Mignini in seiner 'Inrtoduzione a Spinoza' (Roma/Bari, 1983) präsentiert
wird. Allerdings ist es unmöglich hier eine vollständigere bibliographische Orientierung zu geben. Beschränken wir
uns auf das Wesentliche vom Wesentlichen – ohne das es für einen französischen Leser heute schwierig, wenn
nicht unmöglich ist, die Philosophie Spinozas zu verstehen – nämlich die Werke jener großen Vermittler wie Gueroult,
Deleuze, Matheron.]
(c) Eine allgemeine Regel: Die Untersuchung einer Passage der 'Ethik', welche sie auch sei und wo sie sich auch
befinden mag, am Anfang, am Ende oder in der Mitte, erfordert immer eine vorhergehende Lektüre des gesamten
Werkes.
Webbesuche seit 01/2009
Pierre Macherey, Vorwort zur Einführung in E1
aus: Macherey, Pierre, 1998: Introduction à L'Ethique de Spinoza. La
première partie la nature des choses. Paris (Seite 1-7)