Spinoza verstehen
Reflexion
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Pierre Macherey, Vorwort zur Einführung in E2
aus: Macherey, Pierre, 1997: Introduction à l'Éthique de Spinoza. La seconde partie la réalité mentale.Paris. (Seite 4-6)
[Seite 4] Mit dem zweiten Tel der 'Ethik' (E2), der hier untersucht wird, vollzieht sich eine entscheidende
Wendung in jenem philosophischen Unternehmen, dessen Basis im ersten Teil (E1) gelegt wurde. Während
'De Deo' die allgemeinen Probleme, die von der Natur der Dinge aufgeworfen werden, direkt behandelte,
auf eine Weise, die keinen Aspekt vernachlässigte, widmet sich der Gedankengang in 'De Mente' bevorzugt
einem einzigen Aspekt dieser Wirklichkeit: der Seele, insofern sie ein konstitutives Element der psychischen
oder mentalen Natur ist, die gemeinsam mit der körperlichen Organisation einen der Bestandteile des
menschlichen Wesens ausmacht. Auf diese Weise wird auch die Darstellung der ethischen Lehre im
engeren Sinn, welcher die beiden letzten Teile der 'Ethik' gewidmet sind, vorbereitet. E4 widmet sich dann
der conditio humana und ihrer konstitutionellen Entfremdung, E5 dann den Wegen der Befreiung, die sich
dem Menschen – wie er in der Welt lebt, wie er diese erkennt und versteht – darbieten. E3 stellt mit der
Darstellung der allgemeinen Theorie der Affekte einen Übergang dar, der sich geradewegs aus der
Untersuchung der mentalen Wirklichkeit entwickelt. Mit E2 beginnt die eigentlich praktische Dimension von
Spinozas philosophischem Unternehmen – eine praktische Dimension, die bereits auf eine bestimmte Weise
in E1 vorgezeichnet, dort jedoch noch nicht direkt offensichtlich war.
Der ganze zweite Teil ist von zwei Hauptanliegen gekennzeichnet: Das erste hebt den eigentümlichen
Charakter der mentalen Wirklichkeit hervor, insofern diese einer autonomen Ordnung der Wirklichkeit
entspricht [5] und zwar in Abhängigkeit von einer Seinsart (Attribut) der Substanz. Gemeint ist hier das
Denken als solches, mit seinen eigenen Gesetzen, welches sich völlig unabhängig von der Ordnung
derjenigen Dinge entwickelt, die an einer anderen Seinsart, der Ausdehnung, teilhaben, welcher wiederum
der körperlichen Wirklichkeit zugehört. Gemeinsam ist ihnen jedoch die Notwendigkeit der Ordnung.
E1 hatte herausgearbeitet, dass die Natur der Dinge sowohl eine Wirklichkeit des Denkens und eine
Wirklichkeit der Ausdehnung ist, als auch eine Unendlichkeit von anderen Dingen – diese Dinge erkennen
wir zwar nicht direkt, dennoch können wir ihre Notwendigkeit mittels reiner Vernunftleistungen verstehen. Die
Wirklichkeit des Denkens und der Ausdehnung koinzidieren im absoluten Sein der Substanz, wo sie nur
durch den Intellekt (a) unterschieden werden können.
Der Intellekt begreift diese Wirklichkeiten als Essenzen der Substanz und denkt sie jeweils als von einem
Determinationssystem abhängig, welches sich völlig selbst genügt, und sich nicht auf andere Systeme
bezieht. Die Ordnung, die das Denken beherrscht, steht in keinem Verhältnis zu der Ordnung, die die
Ausdehnung beherrscht – weder durch eine duale Gegenüberstellung, noch durch ein Übergreifen oder
einen Mangel. Es gibt genauso viel Materialität in der Wirklichkeit unter dem Blickwinkel des Mentalen, wie
unter dem des Körperlichen, weder weniger noch mehr. Die ganze Theorie der Seele, als endliche
Bestimmung dieser denkenden Natur, wird von der absoluten Autonomie der Seinsarten beherrscht, welche
aus der mentalen eine eigenständige Wirklichkeit machen, deren Elemente (die Ideen) materiell existierende
Dinge sind – in ihrer eigenen Ordnung, wie in jener der ausgedehnten Natur.
Das zweite Hauptanliegen, das die Gedankengänge in E2 beherrscht: Es bezieht sich auf die Tatsache,
dass die mentale Wirklichkeit, deren Autonomie hier affirmiert wird, [6] auf eine Weise begriffen werden
muss, die nicht statisch, sondern dynamisch ist, – als eine Mächtigkeit, deren Natur nicht von ihrer Tätigkeit
getrennt werden kann. Denn die mentale Wirklichkeit als solche gehorcht dem Prinzip der Kausalität nicht
weniger als die körperliche Wirklichkeit.
In ihrem ganzen Umfang gedacht, bedeutet das, dass man sie als eine Produktion denkt, die eine
Unendlichkeit an Wirkungen hervorbringt – Wirkungen, die ihre besonderen Determinationen darstellen und
in deren Verwirklichung, bei jeder einzelnen, sie jedes mal völlig aktiv ist.
Ebenso wie die ganze Mächtigkeit der Ausdehnung im winzigsten Wassertropfen anwesend ist, so ist die
ganze Mächtigkeit des Denkens in der unbedeutendsten Idee anwesend – gleich ob sie wahr oder falsch ist.
Auch einer solchen Idee verleiht diese Mächtigkeit ihren Elan, so dass sie in dem Maße ins Sein
vorangetrieben wird, als diese in ihr aktiv ist. Alle in 'De Mente' entwickelten Gedankengänge sind sowohl
der Untersuchung dieser mentalen Wirklichkeit als auch dieser eigenen mentalen Aktivität gewidmet, welche
voneinander untrennbar sind, und welche das Feld der Entwicklung einer Ethik definieren.
(a) Diese Einleitung in die 'Ethik' Spinozas verwendet die wörtliche Übersetzung "Intellekt" für den Term
"intellectus", welcher in der kartesianischen Sprache allgemein mit "Verstand" wiedergegeben wird. Diese
Wahl wurde getroffen, um die Aufmerksamkeit des Lesers auf die originalen Aspekte der Verwendungweise
Spinozas hinzuweisen – diesem Term ist inhaltlich die Fähigkeit zu "verstehen" zugeschrieben ("intellectus
zählt 86 Stellen in der gesamten 'Ethik'; "intelligere" 231 Stellen).