P.-F. Moreau über die Aktualität Spinozas (in
Frankreich)


― Ihr Buch "L'Expérience et l'Eternité" ist ein Buch über den Spinozismus. Kann
man sagen, dass das eine aktuelle, moderne oder gar radikale Philosophie ist?

P.-F. Moreau:
Man kann auf jeden Fall von einer Aktualität Spinozas sprechen. Es gibt in den
letzten Jahren ein wachsendes Interesse an dieser Philosophie. Man
veröffentlicht neue Übersetzungen oder legt alte neu als Taschenbuch auf, die
Studien zum Spinozismus werden immer mehr ― es erscheinen jedes Jahr
hunderte von Büchern und Artikeln über Spinoza, eine große Anzahl davon in
Frankreich. Organisiert man eine Konferenz oder ein Kolloquium, so ist immer
Publikum anwesend ― und zwar ein Publikum, das nicht nur aus Spezialisten
besteht, ja nicht einmal nur aus Philosophielehrern und -studenten. Alles in allem
ist Spinoza gegenwärtig einer der Philosophen, die sich am leichtesten aus dem
universitären Umfeld exportieren lassen.
Bleibt die Frage, warum? Der Hinweis auf seine Modernität besteht vielleicht
darin: Es gibt Leute, die sich für die Psychoanalyse oder die Politik interessieren,
oder die sich um ein Verständnis der Religion bemühen (in der Form des
Kampfes für Laizität, oder des Kampfes gegen religiöse Intoleranz), die den
Eindruck haben, dass sie in spinozistischen Herangehensweisen etwas
wiederfinden, das ihnen erlaubt, ihre eigene Praxis besser zu denken oder ihre
Ansprüche besser zu reflektieren.

-
Haben sie recht damit? Handelt es sich hier um eine Philosophie, die radikaler
ist als andere?

P.-F. Moreau:
Die Radikalität des Spinozismus scheint mir darin zu bestehen: Wir haben schon
sehr lange - kurz gesagt von Descartes bis Husserl - unter der Dominanz der
Evidenz gelebt ― Philosophien für die Denken und authentisch Handeln
bedeutet, auf eine grundlegende Gegebenheit zurückzugreifen, die, wenn sie
einmal gefunden wurde, unsere Gewissheit und unsere Handlungen legitimiert.
Diese Gegebenheit konnte entweder in der Ordnung des Bewusstseins, oder,
wie in der empiristischen Variante, in der Ordnung der Tatsachen angesiedelt
werden ― was keinen großen Unterschied macht. Solche Philosophien sind im
Grunde mit einer spontanen Illusion verbunden: der Transparenz. Sie scheitern
im Erfassen der Realität, weil es im Realen Widerstände gibt, die sich nicht auf
unsere Intentionen reduzieren lassen. Der Spinozismus ist nun eine der wenigen
Philosophien, die sich aus der Herrschaft der Evidenz lösen. Er ist eine
Philosophie des Opaken, wo die Wahrheit eher konstruiert wird, als dass sie
gefunden wird. Man kann verstehen, dass wenn sich jemand für das Unbewusste
und die Psychoanalyse interessiert, er hier zwar nicht genau das wiederfindet,
was er bearbeitet - dennoch aber etwas, das seine Herangehensweise erhellt.
So auch bei jemanden, der sich bewusst ist, dass in der Politik die guten
Intentionen zu Ergebnissen führen können, die konträr zu dem sind, was man
erwartet hat ― zum Beispiel hat das aktuelle plötzliche Auftauchen des
Nationalismus für eine liberale politische Philosophie etwas Unverständliches.
Das ist viel weniger der Fall für eine Analyse der Macht/des Vermögens
[puissance], wie jene des Politischen Traktates, die es vermeidet, die Gesetze
des Realen mit dem zu verwechseln, was wir uns wünschen.

Auszug, Übersetzung von
http://www.fjpansier.com/Repdroit/1/N%B01%20--%20MODERNITE.htm
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